Leseprobe: Burn & Shatter– Reapers of Sothom 2

KAPITEL 1
Amos

Zehn Jahre alt

»Du mieser Verräter!«, brülle ich. »Du hast uns reingelegt!«
Der blonde Junge, dessen Nase ich blutig geschlagen habe, murmelt: »Tut mir leid.«
Er sieht elend aus, als würde es ihm wirklich leid tun, aber das ist mir egal. Lexington hat Dorian und mich angelogen. Er hat uns hinunter in die Katakomben gelockt, wo diese drei Männer auf uns gewartet haben.
Ich versuche, mich aus dem Griff des spindeldürren Mannes zu befreien, der mich von Lexington heruntergezerrt hat und mir jetzt fast den Arm auskugelt. Der Kerl lacht über meinen hilflosen Zorn, was mich nur noch wütender macht.
Der andere Mann, der grinsend den Kopf schüttelt, trägt einen Overall, aber er ist kein Mechaniker, sondern ein echter Krimineller. Er heißt Bullet und er hat das Sagen. Den Spindeldürren nennen sie Spider und ich glaube, er ist etwas verrückt. Dann ist da noch ein dritter Mann mit Unterarmen so dick wie Oberschenkel namens Hacker.
Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich Lexington vertraut habe. Weil ich unbedingt die Katakomben sehen wollte. Und weil ich Dorian überredet habe, zusammen mit mir aus dem Haus zu schleichen. Niemand weiß, dass wir hier sind. Niemand wird uns helfen. Wenn ihm etwas zustößt, ist es ganz allein meine Schuld.
Eigentlich sollten wir beide jetzt in meinem Zimmer sein und ein Game zocken, während Stephen, sein Bodyguard, unten in der Küche sitzt, Kaffee trinkt und den frisch gebackenen Kuchen unserer Haushälterin mampft.
Dorians Familie ist mega reich, hundertmal reicher als mein Adoptivvater Richard. Deswegen darf er ohne seinen Leibwächter nirgendwohin. Bevor ich Lexington kennenlernte, den Jungen von der anderen Seite des Flusses, war Dorian mein bester und einziger Freund. Ich dachte, Lexington wäre jetzt auch mein Freund. Zu dritt wären wir unbesiegbar.
Aber Lexington hat uns angelogen!
Er hat uns zu einem geheimen Eingang gebracht, der in die Katakomben hinabführt, und es war richtig aufregend und gruselig. Tausendmal besser, als ich es mir vorgestellt habe. Zumindest am Anfang. Dann haben wir dieses unterirdische … Lager? … Dorf? … diesen seltsamen Ort in der riesigen Höhle erreicht.
Hier hausen Leute illegal in Baracken, Zelten und Höhlennischen. Niemand an der Oberfläche weiß davon. Die meisten wagen sich nur nachts an die Oberfläche. Sie machen Drogensachen oder sie stehlen oder erledigen andere Dinge, um zu überleben. Hier unten gibt es kaltes Wasser, das aus der Wand sickert und in Becken aufgefangen wird. Es gibt Petroleumlampen, Kerzen und ein paar Generatoren. Es gibt sogar Kneipen und Garküchen und Hunde und halb nackte Mädchen mit toten Augen.
Und diese drei Kerle.
Lexington gehört zu ihnen. Bullet hat ihm aufgetragen, uns hierherzubringen. Genauer gesagt, mich. Aber jetzt wissen sie, wer Dorian ist. Jetzt können sie für mich und für ihn Lösegeld fordern. Vielleicht säbeln sie uns einen Finger ab, den sie an unsere Eltern schicken. So habe ich es in einem Mafiafilm gesehen.
Die Vorstellung jagt mir Angst ein. Wenn ich Angst habe, werde ich recht recht wütend. Mein Adoptivvater hat gesagt, dass ich das in den Griff bekommen muss, oder ich werde in Schwierigkeiten geraten. Aber jetzt ist es mir egal. Wir sind ja bereits in Schwierigkeiten.
Ich gebärde mich wie ein Wilder, schreie, trete und schlage um mich. Mein Gebrüll tönt durch die Halle und wird von den Felswänden verschluckt. Ein paar Leute beobachten uns, aber niemand greift ein.
Spider stößt einen Schmerzenslaut aus und versetzt mir einen Stoß. Ich pralle gegen Bullet, der mich am Kragen meiner Jacke packt und durchschüttelt, bis mir schwindelt.
»Jetzt gib verdammt noch mal Ruhe, Bürschchen!«, schnauzt Bullet. »Wir tun euch schon nichts. Da ist jemand – der ein wichtiger Mann –, der dich kennenlernen möchte. Und deinen hässlichen Freund bestimmt auch.«
»Ficken Sie sich«, fauche ich. Nur weil Dorian ein paar Brandnarben auf der linken Seite seines Gesichts hat, ist er noch lange nicht hässlich! Wenn man nur die andere Seite zu sehen bekommt, weiß man nicht einmal, dass die Narben da sind.
Die Männer lachen. »Er siezt mich«, sagt Bullet amüsiert, ohne meinen Kragen loszulassen. »Manieren hat er ja. Vielleicht möchte der Fährmann ihn deshalb kennenlernen.«
Er schleift mich mit sich, ohne sich um meinen Protest zu kümmern. Ich werfe einen Blick über die Schulter. Spider zerrt Dorian am Arm hinter uns her, mitten durch eine krumme Gasse zwischen den schiefen Baracken aus Holz und Plane und Stoff. Ein paar zerlumpte Gestalten mustern uns und ein tätowierter Hüne verschränkt grinsend die Arme. Sie warten nur darauf, dass wir zu fliehen versuchen. Niemand hier unten wird uns helfen.
»Wartet!« Lexington holt uns ein. »Ich komme mit.«
»Das tust du nicht«, sagt Bullet, ohne sich umzudrehen. »Geh zurück und warte auf uns, kleine Ratte.«
So nennen die drei Männer ihn: kleine Ratte. Den Namen Lexington hat er heute erst bekommen, und zwar von Dorian. Vorher war er einfach nur ein blonder Junge ohne Eltern.
»Aber das sind meine Freunde!«, ruft er und trabt neben mir her. »Ich komme mit!«
Hacker packt ihn am Genick und reißt ihn rückwärts. »Bist du taub, Ratte?« Der Mann treibt ihm seine riesige Faust in den Magen. Lexington klappt zusammen wie ein Taschenmesser und bekommt einen Tritt in die Seite, der ihm ein Ächzen entlockt. Hacker hebt den Stiefel, um ihn in die Brust des Jungen zu rammen.
Heiße Wut wallt in mir auf und explodiert. Lexington ist doch nur ein Kind!
»Hey!« Ich reiße mich von Bullet los, stürze mich Hacker und versetze ihm einen harten Stoß. »Lass ihn gefälligst in Ruhe, du Feigling!«
Verblüfft landet der Kerl auf seinem Hintern.
»Wieso hast du behauptet, unser Freund sein zu wollen?«, schreie ich Lexington an. »Du bist … einfach nur blöd!«
Dann strecke ich ihm die Hand entgegen. Er ergreift sie zögernd und ich ziehe ihn auf die Füße. Sein Gesicht hat eine grünliche Farbe bekommen, seine Augen sind ganz verschleiert vor Schmerz. Aber er gibt keinen Laut von sich und versucht, sich aufrecht zu halten. Wer in den Katakomben lebt, darf kein Schwächling sein.
Dorian nickt mir zu. Er hat beschlossen, Lexington zu mögen, obwohl der ein Verräter ist.
»Hört schon auf mit dem Theater, Kleiner!« Bullet will mich packen, aber ich ducke mich unter seinem Arm fort.
»Wer ist dieser Mann, der uns kennenlernen will?«
»Der Fährmann«, knurrt Bullet ungehalten. »Das sagte ich doch schon.«
»Der Herr über die Katakomben«, flüstert Spider und schaut sich um. Ich sehe einen Anflug von Furcht über seine hageren Züge flackern. Wenn sogar ein verrückter Mann wie Spider Angst vor dem Fährmann hat, dann sollte ich wohl besser auch Angst haben.
Der Fährmann.
Lexington hat von ihm erzählt. Er ist so etwas wie ein Gangsterboss. Oben in unserer Welt weiß niemand, dass es ihn gibt, aber hier unten hat er Macht. Die Bewohner der Katakomben fürchten ihn. Viele arbeiten für ihn, nicht alle tun es freiwillig.
Alles, was Lexington über den Fährmann erzählt hat, macht mir Angst. Ich stelle mir eine grausige Gestalt in Umhang und Kapuze vor, mit einem Totenschädel statt eines Gesichts und mit Klauen statt Fingernägeln. Die Menschen, die sich in den Katakomben vor der Welt da oben verstecken, fürchten ihn. Er beschützt sie, hat Lexington behauptet, aber ich habe trotzdem gehört, was er nicht gesagt hat: Der Fährmann beschützt die Leute nur solange, wie sie tun, was er ihnen befiehlt.
»Keine Ahnung, was er von dir will«, sagt Bullet zu mir. »Geht uns auch nichts an. Wir haben den Auftrag bekommen, dich zu ihm zu bringen, und das werden wir tun. Wir hängen nämlich an unserem Leben, verstehst du? Dein hässlicher, vernarbter Kumpel darf mit.«
»Hör auf, Dorian zu beleidigen, oder es wird dir leidtun!« Ich fletsche die Zähne.
»Du bist ja ein richtig wilder Kämpfer.« Bullet amüsiert sich prächtig über mich. »Jetzt sei schön brav, oder wir verpassen deinem goldenen Arsch eine Abreibung, an die du lange zurückdenken wirst.«
Hinter mir ist Hacker aufgesprungen und legt seine schwere Pranke auf meine Schulter. Er grinst unheilvoll.
»Okay«, sage ich kleinlaut. »Wir gehen mit. Aber nur, wenn der da mitkommt.« Ich zeige auf Lexington. »Er ist unser Freund.«
Dorian befreit sich aus Spiders Griff und grinst. »Genau, wir sterben gemeinsam.«
Dorian hat nie Angst. Nicht einmal vor dem Tod. Er gibt mir das Gefühl, unsterblich zu sein. Aber ich ahne, dass er einen hohen Preis für seine Furchtlosigkeit gezahlt hat. Es ist ihm ins Gesicht gebrannt worden.
Bullet seufzt. »Okay, unser Junge darf mit. Dafür erwarte ich, dass ihr drei euch ab jetzt benehmt.«
»Hab immer gewusst, dass du komplett bescheuert bist, kleine Ratte«, sagt Hacker kopfschüttelnd zu Lexington. »Der Fährmann wird dich bei lebendigem Leib ausweiden.«
Unschlüssig schaut Lexington erst mich, dann Dorian an. »Egal«, sagt er schließlich.
»Glaub ja nicht, dass wir dich beschützen werden, Dummkopf.« Bullet wendet sich um und geht voran.
Hacker schubst mich vorwärts.
Rechts und links lehnen sich Behausungen aneinander, die Gasse ist gerade breit genug, dass Lexington und ich nebeneinander gehen können. Dicker Rauch von zahllosen Kochstellen und Lagerfeuern kitzelt in meinem Hals. Die Leute beobachten uns ohne jede Regung, ein Pitbull knurrt uns an. Abgesehen von zwei schmutzigen, kleinen Mädchen sehe ich nur Erwachsene, hauptsächlich Männer. Lexington muss ganz schön zäh sein, wenn er hier unten leben kann.
»Hast du ihn schon mal gesehen?«, frage ich ihn, während wir das Lager durchqueren. »Den Fährmann?«
Er schüttelt den Kopf, ohne mich anzuschauen. Seinen Arm hält er gegen den Magen gepresst. Er läuft vornüber gebeugt und schwitzt trotz der Kälte, die von den Felswänden ausgeht. Sein Gesicht ist bleich. Vielleicht hat Hacker ihm eine Rippe gebrochen. »Kaum jemand weiß, wie er aussieht. Aber jeder weiß, was geschieht, wenn er seinen Obolus haben will.«
Dorian dreht sich in Spiders Umklammerung um. »Er will Geld?«
Spider verdreht die Augen. »Ein Opfer, kleiner Prinz. Die Todgeweihten werden zum Fährmann geschickt, damit er was zum Spielen hat und uns in Ruhe lässt.«
Nun sieht Dorian nicht mehr so furchtlos aus.
Ich will immer noch sauer sein auf Lexington, aber es funktioniert nicht. Mir ist nämlich eingefallen, dass er es sich anders anders überlegt hatte, als wir das Lager erreicht haben, und uns schnell wieder zur Oberfläche führen wollte. Aber die drei Männer sind ihm zuvorgekommen.
Ich glaube, Lexington ist doch unser Freund, denn obwohl er Angst hat, lässt er uns nicht im Stich. Nur echte Freunde tun so etwas.
»Du solltest lieber doch nicht mitkommen«, sage ich zu ihm. »Vielleicht ist es ja wirklich gefährlich.«
Spider lacht keckernd.
»Ich bin kein Feigling«, murrt Lexington. Unter seinen blonden Strähnen wirft er mir einen verlegenen Blick zu. »Wenn das hier gut ausgeht … meinst du, ich könnte mal … Ich weiß nicht, ein bisschen mit euch abhängen?«
»Abhängen?«
»Sachen machen. Was auch immer.« Er zuckt die Schultern. »Blöde Idee, vergiss es.«
»Genau. Blöde Idee.« Hacker gibt ihm einen Schlag auf den Hinterkopf. »Reiche Jungs wie die hängen bestimmt nicht mit einer schmutzigen Tunnelratte wie dir ab. Die wohnen auf der anderen Seite des Flusses in einem schicken Palast.«
»Na, klar können wir abhängen«, sage ich zu Lexington und recke Mittelfinger in Hackers Richtung.
Bullet führt uns nach links in einen Durchgang zwischen zwei Baracken. Dahinter liegt ein stockfinsterer Tunnel, so niedrig und schmal, dass ein Erwachsener gerade noch hineinpasst. Die Männer haken Taschenlampen von ihren Gürteln und schalten sie ein. Bullet zögert, dann taucht er entschlossen in die Dunkelheit ein. Seine große Gestalt schirmt seinen Lichtstrahl ab.
»Das ist nicht der Weg zum Tartaros«, sagt Lexington hörbar erleichtert und schaltet seine eigene Stablampe ein, die er immer bei sich trägt. Hier unten ist man ohne Licht verloren.
»Natürlich nicht, Dummkopf.« Hacker bedeutet ihm, voranzugehen. Dorian und ich schließen eilig auf. Die beiden Männer folgen uns. Der hallende Lärm des Lagers bleibt hinter uns zurück. Bald sind nur noch das Scharren unserer Schuhsohlen und Atemzüge zu hören. Im tanzenden Licht der Taschenlampen erkenne ich Kerben an den Wänden, die darauf hinweisen, dass dieser Tunnel künstlich aus dem Gestein gehauen wurde. Ein paar verblasste Kreidezeichen sind zu sehen. Alte Spinnweben bleiben in unseren Haaren hängen. Die Luft schmeckt komisch, irgendwie bitter und scharf.
Plötzlich sagt Bullet: »Da wären wir.«
Der Gang endet in einer kleinen, vollkommen leeren Kammer. Der einzige Tunnel, der von hier fort führt, ist der, aus dem wir gekommen sind.
Hacker drängt uns vorwärts. Die winzige Höhle ist viel zu eng für sechs Menschen. Jäh wird mir bewusst, wie tief unter der Erde wir uns befinden, und ich muss mich anstrengen, um ruhig weiterzuatmen.
»Unser Job endet an dieser Stelle. Ihr Jungs wartet hier, verstanden?« Bullet leuchtet erst mir, dann Dorian und schließlich Lexington ins Gesicht. »Auch du, kleine Ratte.«
»Ihr lasst uns hier allein?«, fragt Lexington verzagt.
»Du wolltest doch unbedingt mit deinen beiden neuen Freunden mitgehen.«
»Aber ihr braucht mich! Ich bin der beste Autoknacker, den ihr bekommen könnt! Gut, der zweitbeste, aber ich kann …«
»Wir kassieren die Belohnung und kaufen uns einfach einen neuen Jungen«, sagt Bullet gleichmütig. »Einen, der tut, was man ihm sagt, ohne Fragen zu stellen. Du bist mir ohnehin auf die Nerven gegangen mit deiner Klugscheißerei.«
Ungläubigkeit und hilfloser Zorn wechseln sich in Lexingtons Miene ab, bevor er eine Maske totaler Ausdruckslosigkeit aufsetzt. An Lexingtons Stelle wäre ich ausgerastet und hätte mich auf Bullet gestürzt, auch wenn ich nicht den Hauch einer Chance hätte. Lexington ist klüger als ich. Er weiß, wie man überlebt. Ich weiß nur, wie man Dinge zerstört.
»Wenn schon«, sagt er mit einer Gelassenheit, für die ich ihn bewundere. Denn ich spüre, dass es seine größte Angst ist, im Stich gelassen zu werden und ganz allein zu sein. »Ich habe jetzt richtige Freunde. Ich brauche euch nicht.«
Spider klopft ihm auf die Schulter. »War nett mit dir, kleine Ratte. An deiner Stelle …«
Ein lautes Knirschen und Rumpeln ertönt. Ein Teil der Felswand setzt sich schwerfällig in Bewegung.
»Wow«, murmelt Bullet überrascht. Offenbar hat er nichts von dieser Geheimtür gewusst.
Sie ist aus Stahl mit einer dünnen Oberfläche aus Stein und so perfekt in die Wand eingepasst, dass man die Fugen gar nicht bemerkt. Aus dem Gang, der dahinter liegt, flammen grelle Lichter auf und blenden uns. Ich höre schwere Schritte, aber weil ich die Augen zusammenkneifen muss, kann ich nichts sehen.
»Habt ihr ihn?«, fragt eine raspelnde Stimme.
»Hier ist er.« Bullet schiebt mich nach vorn. Jegliche Arroganz ist aus seiner Stimme verschwunden. »Und der Sohn von Ruben van Leeuven. Wir wollten ihn zuerst für uns behalten, aber wir dachten …«
»Klug gedacht, Bullet«, erwidert die unbekannte Stimme kalt. Ein Lichtstrahl wandert über unsere Gesichter. »Wer ist der dritte Junge?«
»Lexington gehört zu uns.« Dorian packt ihn am Ärmel und zieht ihn zu sich heran. »Ohne ihn gehen wir nirgendwohin.« Er wirft ihm ein schiefes Grinsen zu. Mitgefangen, mitgehangen.
»Wir haben einen Jungen erwartet, nicht drei«, sagt die unsichtbare Stimme. »Der kleine Blondschopf da sieht aus wie eine Tunnelratte.«
»Er hat die beiden Jungs hierher gelockt. Ihr könnt ihn behalten. Vielleicht möchte der Boss … ich weiß nicht … ein bisschen Spaß mit ihm haben«, sagt Bullet hinter uns. »Ähm, was ist mit unserer Belohnung?«
Ein dicker brauner Papierumschlag segelt über unsere Köpfe hinweg. »Jetzt verpisst euch.«
Das lassen sich die drei Männer nicht zweimal sagen. Ich drehe mich um und sehe gerade noch, wie sie eilig den Rückzug durch den schmalen Tunnel antreten. Schreckliche Angst zupft an meinen Nerven. Wir sollten auch von hier verschwinden, solange wir noch können.
»Denk nicht mal daran, Junge«, sagt die unbekannte Stimme. »Ihr kommt hier erst wieder raus, wenn der Boss es erlaubt. Jetzt kommt.« Der fremde Mann tritt beiseite.
Lexington und ich zögern, aber Dorian setzt sich in Bewegung. Er winkt uns, ihm zu folgen. Ich bin überzeugt, dass er jetzt genauso viel Schiss hat wie wir, doch er bleibt ganz ruhig.
Angst fühlt sich an wie ein Teich mit nassem, kaltem Beton, in den du hinabgezogen wird. Sie drückt deinen Brustkorb zusammen, lähmt deine Glieder und raubt dir den Atem. Du musst all deine Kräfte mobilisieren, damit du dich zur Oberfläche hinauf kämpfen kannst, oder du bist verloren.
Ich habe immer gegen meine Angst angekämpft, ich kann nicht anders. Ich möchte nicht darin ertrinken wie Dorian. Er hat sich von seiner Angst in die Tiefe ziehen und verschlingen lassen. Er ist jetzt die Angst. Sie steckt in seinem Herz, in seiner Seele und wird mit seinem Blut durch seinen Körper gepumpt. Darum bleibt er so gelassen. Er hat gelernt, die Bedrohung und den Schmerz zu lieben. Sein Vater hat es ihm beigebracht.
Lexington folgt ihm, weil er sich für uns entschieden hat. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Er ist daran gewöhnt.
Meine allergrößte Angst ist es, dass der Fährmann meinen Freunden etwas antun könnte. Er will nur mich. Dorian könnte ihm ein dickes Lösegeld einbringen, aber Lexington? Er versucht doch bloß, ein Freund zu sein.
Wieder beginnt es in mir zu brodeln und zu toben, als ich den geheimen Gang betrete. Hinter mir wird die Tür geschlossen. Dieser Tunnel ist viel breiter und er wird von vereinzelten roten Notlichtern erhellt, gerade hell genug, dass man den Weg vor sich erkennen kann. Die Männer schalten ihre Taschenlampen aus. Drei laufen hinter uns. Ganz vorn sehe ich zwei weitere. Warum schickt der Fährmann so viele Männer aus, um ein paar Jungen zu eskortieren?
Weil er mächtig ist.
Ich erschauere. Hier ist es bitterkalt und ich glaube, ein entferntes Summen zu hören. Vielleicht handelt es sich um das Flüstern von längst verstorbenen Menschen, deren Geister seit Jahrhunderten in den Tunneln gefangen sind. Niemand sagt ein Wort. Nur die Geräusche der Schritte auf dem Felsboden und unsere hektischen Atemzüge sind zu hören. Mehrmals biegen wir ab. Die roten Lichter bleiben hinter uns zurück. Die Dunkelheit streicht mit eisigen Fingern über unsere Gesichter, bevor die Taschenlampen wieder eingeschaltet werden. Das Summen wird lauter und lauter.
»Ich habe keine Ahnung, wo wir sind«, flüstert Lexington neben mir. »Diesen Teil der Katakomben kenne ich überhaupt nicht.« Seine Stimme zittert nur ganz wenig.
Wir werden nie wieder hier herauskommen.
Als die Männer vor uns stoppen, wäre ich fast in sie hineingelaufen. Über uns leuchtet ein rotes Lämpchen, ich erkenne die Linse einer Kamera. Ein Piepsen ertönt, ein Klacken. Eine stählerne Tür öffnet sich, strahlend blaues Licht flutet den Gang. Die Männer löschen ihre Taschenlampen und schieben uns über die Schwelle.
Wir befinden uns in einer natürlichen Höhle mit schwarzen Wänden, durch die sich glitzernde silberne Adern ziehen. Dicke Stalaktiten hängen so tief herab, dass sie mit dem Boden verschmolzen sind und unförmige Säulen bilden. Das blaue Licht kommt von Lampen, die an Drahtkabeln unter der Decke befestigt sind oder auf Ständern im Raum verteilt stehen. Sie beleuchten Metallregale und lange weiße Tische, auf denen Messbecher, Schüsseln und Elektromixer stehen. Ich sehe Gaskocher, eine digitale Waage und mehrere Rollen mit kleinen Plastiktüten, außerdem jede Menge braunes Klebeband. Entlang einer Wand reihen sich Kanister, und Gasflaschen, daneben liegen Säcke mit weißem Pulver gestapelt. Zwei hohe Plastikfässer stehen an einer Seite, an Haken hängen Gasmasken und weiße Schutzanzüge. Abzugshauben sind über den Tischen angebracht. Auf der anderen Seite der Höhle befindet sich ein Durchgang, verhüllt von einer dicken Plastikplane. Das Summen ist hier drin sehr laut. Als ich mich umdrehe, entdecke ich einen großen Generator in einer Ecke.
Die fünf Männer verteilen sich wortlos in dem Raum. Sie tragen praktische Kleidung wie Soldaten, an ihren Gürteln sind Messerscheiden und Holster mit Pistolen befestigt. Echte Pistolen, möchte ich wetten.
Hinter uns kracht die Stahltür ins Schloss, wir zucken zusammen.
»Das ist ein Drogenlabor«, flüstert Lexington mir zu.
»Woher weißt du das?«
»Ein paar Leute aus unserem Lager kochen in den Katakomben ihr eigenes Zeugs. Meth und so. Sie verkaufen es am Hauptbahnhof oder im alten Sommergarten am Fluss.«
»Und das sehen wir gar nicht gern«, sagt eine tiefe, sanfte Stimme.
Der Plastikvorhang wird zurückgeschlagen, eine Gestalt tritt in das blaue Licht.
Sofort nehmen die fünf Männer eine stramme Haltung an. Einer von ihnen deutet auf mich und sagt: »Das ist Amos Tanhauser. Der andere Dorian van Leeuven und … eine Tunnelratte.« Er tritt zurück.
Die Gestalt, die vor uns stehen bleibt, trägt keinen schwarzen Umhang mit Kapuze und sie hat auch keinen Totenschädel, sondern ist ein ganz normaler Mann mit dunklem, kurz geschnittenem Haar. Er sieht jünger aus als mein Adoptivvater, mit scharfen Gesichtszügen und sehr schmalen Lippen.
Beinahe hätte ich aufgeatmet, doch je uns näher der Mann kommt, desto größer wird meine Beklommenheit. Obwohl er einen Anzug mit Krawatte trägt und sogar eine Brille auf der Nase hat, strahlt er Finsternis aus. Die Brille hat kleine runde dunkle Gläser, sodass man seine Augen dahinter nicht sehen kann. Vielleicht sind sie glühend rot.
»Drei Jungen zum Preis von einem. Was für eine erfreuliche Überraschung.«
Seine Stimme ist glatt und fließend wie Seide und überhaupt nicht bedrohlich. Aber ich lasse mich nicht täuschen. Ich kann die kalte Macht spüren, die von ihm ausgeht, die absolute Gefühllosigkeit.
Sie mögen ihn den Fährmann nennen, aber in meinen Augen ist er der Herrscher der Dunkelheit.
Ich schlucke den Klumpen aus Angst hinunter, der meine Kehle verstopft, und hebe das Kinn. »Wenn Sie meinen Freunden etwas antun, werden Sie es bereuen.«
Ein Mann gluckst.
Der Fährmann wendet den Kopf in seine Richtung. »Was ist so amüsant, Rufus?«
Der Mann erstarrt. »Nichts. Gar nichts.«
»Es war ein Fehler, dir deine Zunge zu lassen.« Der Fährmann seufzt.
Die anderen Männer stehen da wie Statuen. Im blauen Lichtschein sehen ihre Gesichter hart und gefühllos aus wie bei den Soldaten aus meinen Computerspielen, die Richard nicht mag. Nur, dass diese Männer hier richtig Respekt vor ihrem Boss haben.
»Amos Tanhauser«, sagt der Fährmann mit einer so weichen Stimme, dass ich Gänsehaut bekomme. »Endlich habe ich dich dort, wo du hingehörst.«