Punsch für die Protas

Kapitel 1

 

Drei Tage vor Weihnachten

 

Ich wache auf, streife mir mein Autoren-Arbeits-Outfit über – auch bezeichnet als Geh-damit-bloß-nicht-vor-die-Tür!-Bekleidung – und schlurfe hinunter in die Küche, um Kaffee nach bewährtem Rezept zuzubereiten: so stark, dass er einen Defibrillator ersetzen kann.
Der Jahreszeit entsprechend schmeckt der Kaffee heute nach Mandel und Zimt und täuscht meinem arglosen Körper vor, harmlos zu sein. Der erste Schluck trifft ihn daher unvorbereitet, ganz so, wie ich es geplant habe: Mein Herz beginnt zu rasen und meine Augen öffnen sich so weit, dass ich fürchte, sie könnten rausfallen. Mit einem Mal ist mein schlafender Verstand hellwach und …
Nichts.
Eigentlich sollten jetzt die ersten Bilder und Sätze durch meinen Kopf rasen. Szenen, die ich heute schreiben werde, und Details, die dringend ausgearbeitet werden müssen. Manchmal flüstert mir auch ein Stimmchen ein, dass ich mir das letzte Kapitel noch einmal vornehmen muss, weil ich die finsteren Beweggründe des Protagonisten nicht deutlich genug klar gemacht habe, obwohl er mir erst am Vortag alles haarklein erzählt hat. Meine Charaktere bestehen darauf, dass ich alles exakt so niederschreibe, wie sie es mir erzählen.
Man lernt, damit zu leben.
Letzte Nacht habe ich verblüffend friedlich geschlafen, was keine Selbstverständlichkeit ist. Das hätte mich stutzig machen sollen, aber so wach war ich dann doch noch nicht.
Mit der Kaffeetasse und einem Schokobrownie marschiere ich schwungvoll ins Arbeitszimmer – es ist wichtig, einen energiegeladenen Eindruck zu machen, um die Kreativität zu motivieren.
Meine Kreativität ist etwa so groß wie ein Kobold, wohnt in einer Nische in meinem Bücherregal, hat einen äußerst exzentrischen Kleidungsgeschmack und neigt zur Zickigkeit. Darum der Schokobrownie.
Ich lege das Gebäck vor der Nische zwischen den Hardcovern ab und luge ins Innere des winzigen Raums. Da drin ist es stockdunkel, doch ich erkenne eine gewisse Unordnung. Kleine Bücher liegen überall verstreut, der Stuhl ist umgestürzt. Wahrscheinlich hat er – oder sie, das habe ich noch nicht herausgefunden – gestern einen draufgemacht. In letzter Zeit ist er oder sie in komischer Stimmung.
Die Nische ist gemütlich eingerichtet mit Miniatur-Bücherregalen, bunt zusammengewürfeltem Mobiliar und ein paar obskuren Dekorationsgegenständen. Im Hintergrund befindet sich ein Durchgang mit einer Treppe in ein Obergeschoss, das ich nie zu Gesicht bekommen habe. Wahrscheinlich existiert es nicht.
Diese Nische ist eigentlich viel zu klein, um meine Kreativität zu beherbergen, aber was weiß ich schon von diesen Dingen?
Meine Kreativität behauptet von sich, eine Muse zu sein – genauer gesagt ein Musling (was auch immer das heißen soll). In meiner Vorstellung sehen Musen ehrlich gesagt ganz anders aus, aber man nimmt, was man kriegen kann.
Sie oder er hat schon immer in diesem Haus gewohnt, daher vermute ich, dass es sich eher um eine Art von Hausgeist handelt. Allerdings einen, der direkten Zugang in die Welt der Protagonisten hat – ihr wisst schon: jene Welt, wo all die Geschichten geboren werden.
Sobald mir eine Idee durch mein koffeingefülltes Hirn fährt und ich sie hastig aufgeschrieben habe, brauche ich sie nur dem Musling zu zeigen und er denkt eine Weile nach, schnipst mit den Fingern und murmelt: »Ich glaube, ich kenne da genau die richtigen Leute.«
Dann verschwindet der Musling irgendwohin. Ich habe nie herausgefunden, wie er das macht. Im einen Augenblick ist er da, im nächsten weg.
Irgendwann kehrt er zurück. Vorzugsweise nachts, wenn ich selig schlafend im Bett liege. Und er kommt nie allein. Er hat mitteilungsfreudige Leute bei sich. Einigen von denen möchte ich auch tagsüber nicht gern begegnen. Manche sind finster oder einfach nur unhöflich, andere extrem tödlich. Wiederum andere blenden mich mit falschem Charme, nur um unvermittelt ihre Maske fallen zu lassen und mir ihre Abgründe zu offenbaren, die sie verbergen.
Sie kommen ins Schlafzimmer, stupsen mir hartnäckig die Finger in den Leib, bis ich aufwache, und flüstern: »Hey, Autorin. Da sind wir. Möchtest du was wirklich Interessantes hören?«
Ich nuschele dann: »Nein. Haut ab und lasst mich schlafen«, und zerre mir die Decke über den Kopf. Sie ziehen sie fort, stoßen ein paar leise Drohungen aus und so geht das eine ganze Weile, bis ich endlich aufgebe und hinunter in meine Schreibklause schlurfe.
Dort machen es sich meine Besucher in den beiden Sesseln bequem, legen ihre Füße auf den Tisch, reinigen ihre Fingernägel mit Springmessern und erzählen mir ihre Geschichte.
Ich muss nichts weiter tun, als sie aufzuschreiben und mir dabei die ganze Zeit einzureden, dass es sich nur um einen Albtraum handelt. Manchmal klappt es sogar.
Gegen Morgengrauen, wenn meine Augen zuzufallen drohen, erbarmen sie sich endlich und verlassen die Schreibklause. Ich schlurfe wieder hinauf ins Schlafzimmer, um ein paar Stunden Ruhe zu finden.
Doch als ich jetzt den Computer aus dem Schlaf wecke, sehe ich, dass ich letzte Nacht nicht eine einzige Zeile geschrieben habe. Ich hatte ein fertiges neues Kapitel erwartet, doch da ist nichts. Mein Manuskript sieht noch genauso aus wie am Vortag. Also habe ich tatsächlich die ganze Nacht ungestört geschlafen.
Ich überprüfe den Text auf Änderungen, die nicht von mir stammen. Der Musling hat die Angewohnheit, heimlich in meinen Manuskripten herumzupfuschen und ganze Absätze umzuschreiben, wenn ihm etwas nicht passt. Dieses Etwas sind fast immer die Protagonisten. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass er sie mag. Er findet sie entweder furchteinflößend oder arrogant. Er ist ein ganz schönes Sensibelchen und liegt mir ständig in den Ohren, doch mal andere Ideen zu haben – nette Ideen – mit denen er in die andere Welt hinübergehen und nach den passenden netten Protagonisten Ausschau halten kann.
»Wie wäre es mit einer süßen Geschichte über einen Fuchs und einen Specht?«, fragt er verzweifelt. »Oder eine freundliche Lovestory in einer Kleinstadt um einen vom Leben enttäuschten bärtigen Landarzt und einer Floristin, die einen Neuanfang wagen will?«
»Nope«, brumme ich üblicherweise, während in meinem Kopf eine neue Idee explodiert. Möglicherweise irgendwas mit Katakomben und einem geheimnisvollen Fährmann …
»Ein gut gekleideter, grumpy CEO, der sich in seine selbstlose Assistentin verliebt und sie heiratet?«, versucht er es weiter. »Ein paar harmlose Irrungen und Wirrungen, dann eine romantische Hochzeit und pausbäckige Kinder. Wir könnten auch ein Sachbuch schreiben: Dein Mindset zum Reichtum mit Bitcoins oder so.«
Ich kritzle dann so etwas wie Fährmann und Katakomben auf den Notizblock – manchmal auch ehemalige Irrenanstalt und Folter –, reiße das Blatt Papier ab und gebe es ihm. »Geh los und hör dich um, von wem diese Idee kommt.«
Meist jammert er noch eine Weile herum, dass sich diese Idee gar nicht nett anhört, dass ich doch bittebitte eingehend darüber nachdenken möge, was ich damit zum Leben erwecke und dass wir beide es innig bereuen würden … und so weiter.
Irgendwann zockelt er grummelnd von dannen, nicht selten bewaffnet mit einer Kuchengabel und schlechter Laune.
So läuft das bei uns mit den Geschichten.
Doch heute ist alles anders. Der Schokobrownie liegt unangetastet im Regal.
Ich sitze vor meinem Bildschirm, schreibe: Kapitel 17 und starre auf das blanke Weiß. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es weitergehen soll in der Story. Auch nach mehrmaligem Überfliegen des Manuskriptes bin ich immer noch ratlos. Ich ahne, dass etwas furchtbar Dramatisches geschehen wird, aber ich weiß nicht, was.
»Musling?«, rufe ich. »Hey, Kumpel! Wo steckst du? Ich komme hier nicht weiter!«
Stille.
Ich bin daran gewöhnt, dass er gerne die Diva spielt, doch normalerweise ist er pflichtbewusst und gibt sein Gezicke nach einer Weile auf. Auch wenn ihm oft gar nicht gefällt, was wir beide fabrizieren, legt er doch Wert darauf, dass am Ende ein Buch entstanden ist. Es liegt in seinen Musen-Genen, er kann nichts dagegen tun. Außerdem ist er verrückt nach Süßkram. Für ein Marzipanbrot würde er sogar den Teufel persönlich aus der Hölle holen.
Gut, anschließend müsste ich mir tagelang anhören, wie grässlich der Teufel doch ist und dass die Geschichte ihm gruselige Schauer über den Rücken jagt und es im Zimmer jetzt nach Schwefel stinkt. Aber Job ist Job.
Doch heute gibt der Musling keinen Mucks von sich. Etwas stimmt ganz und gar nicht.
Als ich meine Schreibtischschublade öffne, werde ich aschfahl.
Ich sammle all meine Ideen in dieser Schublade. Sie sind auf Notizpapierblöcken gekritzelt, auf fettfleckigen Servietten, Zeitungsrändern, herausgerissenen Buchseiten oder Bierdeckeln. Über die Jahre hat sich einiges angesammelt und ich habe bisher nur einen Bruchteil davon umgesetzt – sprich: Ich habe sie dem Musling in seine kleinen Finger gedrückt und ihn beauftragt, den zugehörigen Protagonisten herzubringen.
Doch jetzt ist diese Schublade leer. Vollkommen leer.
Mein Musling ist abgehauen und er hat all meine Ideen mitgenommen. Und damit auch sämtliche Geschichten.

 

Kapitel 2

 

Am gleichen Abend auf einem verschneiten Weihnachtsmarkt mitten in Deutschland

 

»Churros«, sagt Ghost bestimmt. »Erst Churros, dann Bratwurst, anschließend einen Crêpe mit Schokocreme, dann einen Zyklopenspieß und dann Glühwein. Mit Schuss! Oh, und eine von diesen riesigen Gewürzgurken aus dem Fass.«
»Man könnte meinen, dass nicht China schwanger ist, sondern du.« Dammit rümpft seine Nase. »Tu uns allen einen Gefallen und behalte deine perversen Gelüste bei dir.«
Zu fünft schlendern sie die Budengasse entlang: French, Dammit, Ghost, Dog und Saint. Rechts und links und über ihren Köpfen glitzern Lichter, es riecht nach Tannengrün, nach Bratapfel und Weihnachtsgewürz und aus allen Ecken tönt Last Christmas oder Leise rieselt der Schnee.
Und er rieselt tatsächlich, der Schnee. Seit Tagen schon rieselt er vor sich hin oder fällt in dicken Flocken aus dem wintergrauen Himmel.
»Wo ist China überhaupt?«, fragt Dog und stupst gegen ein Glöckchenmobile, das ein silbernes Bimmeln von sich gibt. Ein Glöckchen fällt herab. Schnell steckt er seine Hände in die Jackentaschen und setzt eine harmlose Miene auf.
»Bei uns.« French seufzt. »Zusammen mit allen anderen Frauen. Deine Killer-Braut und der Junge sind auch da. Sie basteln Weihnachtsbaumschmuck mit Glitzer. Verflucht viel Glitzer.«
»Nie im Leben.« Dog lacht auf. »Emilia steht absolut nicht auf Weihnachtskitsch.«
Saint grinst vor sich hin, auch die anderen tauschen amüsierte, wissende Blicke.
»Was?«, fragt Dog stirnrunzelnd.
»Bossy Boots ist mit von der Partie«, sagt French unheilvoll. »Du weißt, was das bedeutet.«
»Heißer Brain Burner mit besinnlichen Gewürzen«, murmelt Ghost und zieht schaudernd die Schultern hoch.
»Ja, na und?«
»Muss ich dir das wirklich erklären? Ein Schluck von dem Zeug und du singst mit den Englein schmutzige Lieder, bevor du schnurstracks in die Hölle fährst. Aber vorher bastelst du fröhlich lachend krumme Goldsterne mit Glitzerstaub. Was für ein Glück, dass meine Frau schwanger ist.«
»Bald wird sie es nicht mehr sein und alles nachholen, was sie jetzt verpasst«, erwidert French. »Sie wird tagelang in Sothom versacken, wo sie einem arschwackelnden Stripper ein Bündel Geldscheine in den Leoparden-Tanga steckt und dann die Nacht in einer Ausnüchterungszelle verbringt – ich sage nur: Beamtenbeleidigung! –, während du zuhause babysittest.«
»Ich babysitte nicht mein eigenes Kind, ich kümmere mich!«, knurrt Ghost. »Zufällig bin ich nämlich nicht der Babysitter, sondern der Vater.«
»Was hat das jetzt mit Emilia zu tun?«, fragt Dog verwirrt, während sie gemächlich die Budengasse entlang schlendern. Entgegenkommende machen ihnen bereitwillig – und auch ein wenig nervös – Platz.
»Sie wird von unseren Frauen auf den richtigen Kurs gebracht«, sagt French. »Warte ab, bis du nach Hause kommst. Ich sage nur: Lichterketten.«
»Räuchermännlein«, ergänzt Dammit düster. »Zerbrechliche Glaskugeln. Ich habe bestimmt schon ein Dutzend von den Dingern kaputt gemacht. Aus Versehen, ich schwöre!«
»Weihnachtskrippe«, murmelt Saint. »Sassy hat einen Bewegungsmelder in das Ding montiert. Sobald ich mich nähere, flackern tausend Lichtlein auf und aus einem versteckten Lautsprecher dröhnt Ihr Kinderlein kommet. Eine Großraumdisko ist ein Dreck dagegen.«
»Und Kekse«, sagt Ghost. »Kekse, Kekse, Kekse.« Er zieht eine Grimasse. »China experimentiert mit den Zutaten herum. Gestern hatte ich ein Kipferl mit Käsegeschmack. Parmesan statt Vanillezucker.«
Dog denkt eine Weile darüber nach. »Käsegeschmack ist gar nicht schlacht«, sagt er schließlich. »Emilia lässt sich hoffentlich das Rezept geben.«
Der Bratwurststand liegt vor ihnen, umgeben von einer Traube Menschen. Gegenüber, im Schatten der Kirche, steht eine festlich dekorierte Holzhütte, die Dog bei seinem letzten Weihnachtsmarkt-Besuch gar nicht aufgefallen ist. Mein zauberhafter Punsch-Absturz steht auf dem Schild über dem Eingang. Abgesehen von einer Frau hinter der Theke ist dort niemand zu sehen.
»Da drüben ist unser Ziel.« French deutet zu der Punsch-Hütte. »Aber vorher brauche ich eine richtige Wurst, die nicht aus Kichererbsen-Soja-Zeug besteht.«
Sie schieben die wartenden Leute beiseite und drängen sich nach vorn, um ihre Bestellungen aufzugeben. Der Bratwurstbudenchef strahlt auf, als er sie erblickt.
»Ich habe eine neue kulinarische Besonderheit kreiert«, sagt er hoffnungsvoll. »Unsere exklusive Weihnachtswurst. Bisher hat sie noch niemand probiert. Wie wär’s, die Herren?«
»Vegan?«, fragt French misstrauisch. »Wenn da Erbsenzeug drin ist, peitsche ich dich nackt mit deiner exklusiven Wurst aus.«
»Aber ich werde als pervers bezeichnet«, murrt Ghost. »Behalte um Himmels Willen deine Klamotten an, French.«
»Nicht vegan, ich schwöre«, erwidert der Bratwurstbodenchef. »Allerbestes Rindfleisch.«
»Gottverdammt! Josef …«, murmelt Dammit.
»Josef geht es gut.« Ghost klopft ihm auf die Schulter. »Er besteigt täglich glückliche Kühe und macht sie noch glücklicher. Unser Josef wird niemals als Bratwurst enden.«
»Weil niemand so lebensmüde ist, sich ihm mehr als zehn Schritte zu nähern«, ergänzt French, und zu dem Bratwurstbudenchef. »Okay, wir nehmen deine Weihnachtswurst.«
»Warum hast du uns eigentlich herbestellt, French?«, will Saint wissen. »Nichts gegen eine gute Bratwurst, aber … Wozu diese Heimlichkeit? Weeds findet doch so oder so heraus, dass du keine Tofuwurst gegessen hast.«
Er hat die mysteriöse SMS letzte Nacht erhalten: Treffen 19:00 Uhr Punsch-Hütte bei der Kirche am Weihnachtsmarkt. Wichtig!!!!!
Fünf Ausrufezeichen, also ist es wirklich wichtig.
Vielleicht weiß French mal wieder nicht, was er seiner Weeds zu Weihnachten schenken soll, ohne Kopf und Kragen zu riskieren. Der Mann mag in Rockerkreisen eine lebende Legende sein, aber er hat eine höchst eigenwillige Vorstellung von Romantik. Zu seinem Glück hat er auch eine höchst eigenwillige Frau.
»Ich weiß selber nicht, worum es geht«, sagt French und verteilt die Pappteller mit den Bratwürsten auf dem Stehtisch, den seine Freunde erobert haben. »Die SMS stammt nicht von mir, sondern von einer unbekannten Nummer. Ich habe sie nur an euch weitergeleitet.«
»Und du hast keine Ahnung, wer uns hierher bestellt hat? Oder warum? Steht uns Ärger ins Haus?« Saint zieht sein Messer aus der Gürtelscheide und spießt seine Wurst auf.
»Da, wo ich herkomme, benutzen wir das hier«, sagt Ghost abfällig und hält ihm Plastikbesteck unter die Nase.
»Da, wo du herkommst, komme auch ich her, mein Freund. Besteck ist was für Unbewaffnete.« Saint schnuppert an der Wurst. »Riecht irgendwie komisch. Ist das eine Currywurst?«
»Keine Ahnung«, erwidert French, säbelt ein Stück Wurst mit dem Plastikmesser ab und begutachtet es kritisch. »Hm, sieht tatsächlich merkwürdig aus. Ach, egal. Weihnachten ist nur einmal im Jahr.«
Herzhaft beißt er ab – und spuckt den Bissen im hohen Bogen aus. Das Wurststück platscht in den Glühweinbecher eines Typen in Anzug und weißem Kaschmirschal. Der dreht sich mit wutrotem Gesicht um, erstarrt und beschließt spontan, dass heute kein guter Tag zum Sterben ist.
»Fuck! Da ist Zimt drin!« Hektisch wischt French mit der Papierserviette über seinen Mund. »Esst das bloß nicht, Leute!«
»Danke für die Warnung.« Ghost schiebt sofort seinen Teller von sich. »Bei Zimt hört der Spaß auf.«
»Stell dich nicht so an. Du hast Käse-Kipferl gegessen.« Saint dreht kritisch seine Wurst auf dem Messer hin und her.
»Das war ein verficktes Versehen!«
»Auch dir schadet es nicht, ab und zu mal deinen kulinarischen Horizont zu erweitern, Sniper.« Er kostet vorsichtig und nickt. »Tatsächlich: Zimt, Nelke und Anis. Ich glaube, da sind sogar gehackte Rosinen drin.«
Der Bratwurstbudenchef, der besorgt das Geschehen verfolgt, ruft: »Schmeckt’s euch, Jungs?«
»Ich würde mal behaupten: Nein.« Seine Frau schnaubt. »Hab dir gleich gesagt, dass es eine Schnapsidee ist. Du bist nicht Jamie Oliver, sondern der Günter.«
»Du!« French deutet mit der Plastikgabel auf den Bratwurstbudenmann. »Wenn du uns nicht augenblicklich eine richtige Wurst brätst, werde ich dir mit dieser Gabel das Herz aus der Brust schälen!«
Der Bratwurstbudenmann wird schneebleich und wirft eilig neue Würste auf den Grill. »Die Rosinen waren wohl zu viel des Guten«, murmelt er.
»Ihr seid solche Drama Queens«, brummt Dog grinsend und schiebt sich einen Bissen in den Mund. Gleich darauf läuft er rot an und spuckt das Wurststück in den Schnee. »O-Okay, das g-geht gar nicht. Das ist ein k-kulinarisches Verbrechen. Bah!«
»Sag ich doch.« French sammelt die Pappteller ein, um sie in den Müll zu entsorgen.
»Nicht wegwerfen!« Saint schlingt hastig seine Bratwurst hinunter und winkt mit den Fingern. »Her damit.«
»Ich erkenne neidlos an, dass du mich soeben vom Thron des Wahnsinns geschubst hast«, sagt Dammit beeindruckt.
»Hast du von einem Ex-Demon etwas anderes erwartet?«, brummt Dog. »Die futtern alles, was nicht schnell genug wegrennen kann.«
»Ihr tut gerade so, als würde ich maunzende kleine Kätzchen verschlingen. In Wahrheit bin ich nur offen für neue geschmackliche Erfahrungen.« Unbeirrt spießt Saint die zweite Wurst auf sein Messer. »Kulinarische Abenteuerlust hat noch niemandem geschadet, Freunde.«
»Ich bin mit Weeds zusammen, also erzähl mir nichts über abenteuerliche Mahlzeiten«, sagt French. »Gottverdammt, ich werde einen fünffachen Punsch brauchen, um diesen Zimtgeschmack loszuwerden.«
»Also raus mit der Sprache, French. Warum sind wir hier?«, will Dammit wissen. »Steigen wir ins Räuchermännchen-Business ein oder entweihen wir eine Kirche?«
»Ich weiß es nicht, okay?«, antwortet French genervt. »Aber wir werden es bald herausfinden.«

 

Kapitel 3

 

Zur gleichen Zeit am anderen Ende des Weihnachtsmarktes

 

»Das ist deine Überraschung?«, nörgelt Rosco und sieht sich um. Unter dem Tattoo an seinem Hals pocht die Schlagader. »Ein gottverfluchter Weihnachtsmarkt?«
»Ein wenig traditionelle Besinnlichkeit tut uns beiden ganz gut.« Jules Batiste streift seine Handschuhe über. Schneeflocken lassen sich auf seinem blonden Haar nieder und sterben einen lautlosen Tod. »Ist doch ganz … nett hier. Glöckchengeläut und gebrannte Mandeln. Da fühlt man sich fast wie ein normaler Mensch.«
»Wenn du mir weis machen willst, dass wir zweihundertfünfzig Kilometer weit gefahren sind, nur wegen gebrannter Mandeln, wird Trix niemals erfahren, wo deine Leiche abgeblieben ist.«
»Ah, ich spüre schon, wie der Zauber der Weihnacht seine Wirkung bei dir entfaltet.« Jules grinst und schlägt seinem Freund herzhaft auf die Schulter. »Nicht mehr lange, und du wirst eine glitzernde Bratapfel-Duftkerze für Everly kaufen, in der Hoffnung, dass sie dir als Dank für deinen romantischen Anfall deinen Schw…«
»Erwähne niemals meinen Schwanz im Zusammenhang mit Glitzer«, knurrt Rosco. »Wir sind hier, um einen Deal einzufädeln, richtig?«
»Ich bitte dich!« Jules marschiert vorwärts. »Kokainlieferungen handelt man nicht zwischen handgefertigten Butzemännern und Weihnachtskugeln aus. Das ist blasphemisch.«
»Ich sage es nicht gern, aber wir beide sind der Inbegriff von Blasphemie.« Rosco holt ihn mit langen Schritten ein und behält die Umgebung wachsam im Auge. »Es würde mich wirklich nicht wundern, wenn du einen Weg gefunden hättest, Kokain in ausgehöhlten Bratapfel-Duftkerzen ins Land zu bringen.«
»Hmm, damit könnte man die Drogenhunde vom Zoll austricksen.« Jules nickt nachdenklich. »Ich werde die Idee im Hinterkopf behalten.«
»Jules, das war ein Scherz, und nicht mal ein guter. Wohin gehen wir?«
»Zu einer Glühweinbude namens Mein zauberhafter Punsch-Absturz
Roscos Schritt stockt. »Willst du mich verarschen?«
»Schau mich nicht so an, das war nicht meine Idee.« Jules klappt den Kragen seines Mantels hoch.
»Der Name oder das Treffen?«
»Beides.«
Er zieht sein Handy hervor und zeigt ihm die SMS, die letzte Nacht eingetroffen ist: Treffen 19:00 Uhr Punsch-Hütte bei der Kirche am Weihnachtsmarkt. Wichtig!!!!! Dahinter ist die Adresse dieses Ortes aufgeführt.
»Ich habe keine Ahnung, wer dahinter steckt, aber es scheint wichtig zu sein. Das Treffen, nicht die Punsch-Hütte. Wobei ich gespannt bin, ob der Punsch seinem Namen alle Ehre macht. Wann habe ich das letzte Mal Punsch getrunken?«
»Du? Noch nie«, sagt Rosco. »Du bevorzugst es, das Blut deiner Opfer von deinen Fingern zu lecken.«
Er bleibt an einer Bude mit traditionellen Weihnachtspyramiden stehen, deren hölzerne Flügel sich träge drehen. Kleine Figürchen bewegen sich im Kreis und Kerzen flackern anheimelnd. Ein Porzellanengel schaut ihn aus hellen Glasaugen so missbilligend an, dass er erschauert. Instinktiv bewegt er sein Handgelenk und ein Stilettmesser gleitet aus der Unterarmscheide in seine Finger.
»Na na«, sagt Jules. »Wir werden hier kein Massaker an unschuldiger Weihnachtsdekoration veranstalten.«
»Ich will diesen Engel da«, sagt er zu der Verkäuferin und schiebt das Messer unauffällig zurück in die Scheide. »Wie viel?«
»D-Dreißig Euro«, piepst die Frau, die in Mütze und Schal eingemummelt ist. »W-Wir haben heute Räucherkegel im Angeb…«
»Nur den fucking Engel.« Er wirft einen Fünfziger auf den Tresen. »Stimmt so.«
»Was willst du mit dem hässlichen Ding?«, fragt Jules, als Rosco die in Papier eingewickelte Figur entgegennimmt.
»Schießübungen machen«, erwidert dieser. »Dieser Engel hat mich provoziert. Hast du nicht gesehen, wie er mich angeschaut hat?«
Jules seufzt. »Vergiss nicht, wer von uns beiden der Psycho ist.« Er mustert eine herabhängende handbemalte Glaskugel. »Du solltest diesen Engel im Quartier auf eine Fensterbank stellen und ein bisschen Glitzerdeko drumherum verteilen. Friede auf Erden und so. Everly würde dir auf ewig verfallen.«
»Ich mag kein Glitzer.«
»Das hat Alaska auch mal behauptet.«
»Wer ist …? Ach, der schlecht gelaunte Gangsterboss mit der Glitzer-Phobie.«
»Seine Phobie wurde spontan geheilt. Es würde mich nicht wundern, wenn er genau jetzt mit einer roten Mütze auf dem Kopf in seinem Arbeitszimmer sitzt und kichernd Geschenke für seine Jungs einpackt.«
»Hab gehört, dass eine Frau dahinter stecken soll«, brummt Rosco und steckt die Engelsfigur in seine Jackentasche.
Vielleicht wird er sie doch nicht erschießen, sondern dem Rat seines Freundes folgen und sie Emilia als kleines Mitbringsel überreichen. Sie wird die romantische Geste hoffentlich zu schätzen wissen und ihm ihren Dank auf eine Weise zeigen, die den Heiligen Drei Königen die Schamesröte ins Gesicht treiben wird.
»Es steckt immer eine Frau dahinter, wenn ein Mann schwach wird. Ich kann zufällig ein Lied davon singen.« Jules deutet nach links. »Der Punsch-Geruch kommt von dort.«
»Weißt du schon, was du Trix zu Weihnachten schenkst?«, fragt Rosco, der selbst noch keine Ahnung hat, womit er Everly überraschen soll.
»Äh …« Jules bleibt abrupt stehen. Jemand rempelt gegen ihn und er schnauzt den armen Kerl an: »Willst du unbedingt sterben, Idiot?«
Grinsend kratzt sich Rosco im Nacken, als der Mann über seine eigenen Füße stolpert vor lauter Eifer, aus Jules’ Reichweite zu kommen. Sein Freund, der mit seinem Lächeln und seinem Charme normalerweise jeden um den Finger wickelt, strahlt mit einem Mal dunkle Bedrohung aus.
»Du hast es vergessen«, sagt Rosco feixend.
»Hab ich nicht. Ich habe lediglich nicht daran gedacht.« Jules nagt an seiner Unterlippe. »Trix erwartet kein Geschenk von mir. Oder doch?«
»Sie ist eine Frau … Meistens jedenfalls. Natürlich erwartet sie ein Geschenk. Damit zeigst du ihr deine Zuneigung und Aufmerksamkeit – es sei denn, du schenkst ihr das Falsche.«
»Zum Beispiel einen Staubsauger«, murmelt Jules. »Ich verstehe. Denkst du, sie würde sich über Augäpfel im Einmachglas freuen? Ich könnte etwas Glitzer ins Formaldehyd geben und in Goldschrift auf einer Karte dazuschreiben, welchem Scheißkerl ich die Augen rausgeschnitten habe.«
»Das wäre durchaus ein außergewöhnliches Geschenk«, sagt Rosco diplomatisch. »Aber vielleicht solltest du lieber auf Nummer Sicher gehen und es mit etwas Normalerem versuchen. Eine Halskette oder so.«
»Trix kann man nicht mit Schmuck beeindrucken. Außerdem habe ich ihr letzte Woche erst ein Armband mit einem Totenkopfanhänger gekauft. Er hatte Rubinaugen.«
»Tja …« Rosco zuckt die Schultern. »Bei Evie weiß ich auch nicht, worüber sie sich freuen könnte. Sie ist mit Luxus aufgewachsen.«
»Eine neue Gitarre«, schlägt Jules vor. »Ach, warte, du hast ihr ja schon ein Dutzend Instrumente gekauft. Wie dumm von dir. Jetzt wirst du ihr wohl etwas Selbstgebasteltes schenken müssen.« Er grinst.
»Fick dich.«
»Nein, ganz bestimmt nicht. Ich habe ein wildes Mädchen daheim, das ich fi…«
»Hier sind Kinder!«, zischt Rosco.
»Dann pass auf, was du sagst. Hey, was hältst du von Sexspielzeug? Ein Vibrator mit Weihnachtsmütze wäre doch eine romantische Geste.«
Rosco liegt schon eine spöttische Bemerkung auf der Zunge, doch er sagt lediglich: »Hmmm …«
Durch seinen Verstand geistern Eingebungen, die geschmolzene Schokolade und seine flinke Zunge beinhalten. Schokolade, so hat er gelernt, kommt immer gut an. Vor allem auf Evies nackter Haut. Mit Mandelkrokant. Dazu ein flauschiges Bärenfell vorm prasselnden Kamin und ein halbes Dutzend glitzernder Orgasmen. Zack: Frohe Weihnacht.
»Du hast eine Idee«, sagt Jules, der ihn aus den Augenwinkeln beobachtet. »Sei ein guter Freund und teile sie mit mir.«
»Nope, du wirst dich schon selbst anstrengen müssen.« In Gedanken stellt er bereits ein Heiligabend-Programm zusammen, das es in sich hat.
»Wir sollten über ein gemeinsames Weihnachtsessen nachdenken«, sinniert Jules. »Mit der ganzen Bande. Storm entwickelt in letzter Zeit eine besorgniserregende Gefühllosigkeit. Er braucht dringend eine Portion Friede und Barmherzigkeit. Nicht von mir natürlich. Ich habe keinen guten Einfluss auf seine Psyche.«
»Wundert dich das? Er muss deine Leichen entsorgen.«
Jules zieht sein Smartphone aus der Tasche. »Ich werde einen Catering-Service beauftragen, uns ein Fünf-Gänge-Menü ins Domizil zu bringen. Oder doch lieber sieben Gänge? Soll ich einen Weihnachtsmann engagieren, der kleine Geschenke an unsere Jungs verteilt?«
»Du willst ernsthaft eine ahnungslose studentische Hilfskraft mit falschem Bart und in Weihnachtsklamotten unseren Wölfen zum Fraß vorwerfen?«
»Warum nicht?«, erwidert Jules schulterzuckend. »Es könnte unterhaltsam werden.«
»Du weißt, wie das enden wird.«
»Wenn er ein BWL-Student ist, hat er nichts anderes verdient. Ah, da vorn ist die Punsch-Hütte. Sieht so aus, als wären die ersten schon da.«
Rosco kneift die Augen zusammen. »Sind das Bullhead-Member? Den einen kenne ich.«
»Das ist French«, bestätigt Jules. »Er und seine Leute eskortieren hin und wieder unsere Drogentransporte.«
»Wieso hat er uns herbestellt?«
»Das war nicht er. Ich habe keine Ahnung, von wem diese SMS kam.«

 

Kapitel 4

 

Ebenfalls zur gleichen Zeit, aber auf dem Kirchendach über dem Weihnachtsmarkt

 

»Was in Dreiteufelsnamen machen wir hier?«, murmelt Damien, auf einem Wasserspeier der Kirche stehend.
Sein Mantel flattert im kalten Abendwind. Schnee wirbelt um ihn herum. Über ihm funkeln Sterne, unter ihm breitet sich ein Lichtermeer aus. Schneebedeckte Büdchen drängen sich auf dem weitläufigen Platz aneinander, Menschen wuseln durch die Gassen. Von hier oben sieht die Szene friedlich aus. Zu friedlich.
Er hat keine Ahnung, wer ihn herbestellt hat und warum. Die SMS kam von einer unbekannten Nummer: Treffen 19:00 Uhr Punsch-Hütte bei der Kirche am Weihnachtsmarkt. Wichtig!!!!!, gefolgt von der Adresse in dieser Stadt.
»Was genau machen wir noch mal hier?«, fragt Armand, der auf dem anderen Gargoyle hockt. Seine eng anliegende Lederhose steckt in Stulpenstiefeln. Unter seinem offenen pelzbesetzten Mantel trägt er eine Brokatweste und ein schwarzes Seidenhemd. Wer im Lexikon den Begriff Geißel der Karpaten nachschlägt, könnte dort durchaus ein Bild von Armand finden. Das einzige Zugeständnis an die Gegenwart ist die rotschwarze Pudelmütze auf seinem markanten kahlen Schädel. Seltsamerweise sieht er durch dieses harmlose Kleidungsstück noch unheimlicher aus. Vielleicht liegt es aber auch an den Fangzähnen, die sich aus seinem Oberkiefer geschoben haben.
»Du siehst hungrig aus«, sagt Damien. »Trink lieber einen Schluck Speed Demon, bevor noch ein Unglück geschieht. Mit Unglück meine ich dich.«
Armand tastet seine Manteltaschen ab und zieht eine Grimasse. »Verfickte Kinder der Nacht!«, stößt er hervor.
»Wo? Wo?« Damien reckt den Hals.
»Nein, ich meine … Ich muss irgendwo auf dem Markt die Flasche verloren haben.« Er grinst verlegen. »Keine Sorge, Adelssöhnchen, ich kann mich zusammenreißen.«
»Wieso zum Henker habe ich nicht Lucius mitgenommen?«, murmelt Damien.
Agnetha hat ihn gewarnt, dass ein Weihnachtsmarkt der denkbar ungeeigneteste Ort für eine seelenlose Kreatur wie Armand ist. Lucius ist zwar keinen Deut weniger gefährlich, aber immerhin besitzt er eiserne Prinzipien und etwas unauffälligere Kleidung.
»Weil Lucius dir die ganze Zeit über Vorträge halten würde«, erwidert Armand. »Können wir jetzt endlich von diesem Kirchendach runter? Ich fühle mich hier oben ein wenig unwohl. Zu viele katholische Vibes, verstehst du? Ich bilde mir ein, dass meine Stiefelsohlen glühen.«
»Versprich mir, dass du dich zusammenreißen wirst.«
»Klar, kein Problem«, sagt Armand etwas zu schnell.
Mit einem letzten misstrauischen Blick zu seinem Freund schwingt sich Damien von dem Gargoyle und segelt lautlos und mit flatterndem Mantel durch die Dunkelheit hinab. Geschmeidig landet er hinter einer Reihe von Weihnachtsbüdchen. Schnee wirbelt auf; der Aufprall vibriert durch seine Knochen und wieder einmal verflucht er inbrünstig all die Legenden, die hinterhältig behauptet haben, als Vampir könne man sich jederzeit in eine Fledermaus verwandeln.
Armand kracht auf das Dach einer Weihnachtshütte, rollt sich ab und plumpst neben Damien in den Schnee. Die Pudelmütze sitzt wie angeklebt auf seinem Kopf. Holz knackt vernehmlich, das Dach bricht in einer Schneewolke zusammen und auf der anderen Seite rennen Menschen schreiend davon.
Damien packt Armand am Arm und zerrt ihn eilig zur stillen Rückseite der Kirche, noch bevor man sie bemerkt. »Seit wann hast du nichts mehr getrunken?«, zischt er.
»Reg dich ab, Adelssöhnchen. Es ist nichts passiert. Ich habe nur meine Flugbahn falsch berechnet.«
Armand löst sich aus seinem Griff und zupft seine Kleidung zurecht. Seine Gesichtsfarbe ist so fahl, dass die Tattoos an Hals und unter dem Auge überdeutlich hervortreten. Die Lippen haben eine bläuliche Farbe angenommen.
»Du brauchst schleunigst Blut«, stellt Damien fachmännisch fest und schaut sich unsicher um. »Mistkackdreck, elender.«
»Ich sagte, ich kann mich zusammenreißen.« Armand leckt sich über seine Eckzähne. »Ich hatte noch nie einen, dessen Blut nach Glühwein schmeckt.«
»Armand«, sagt Damien warnend.
Sein Freund hebt sofort die Hände. »Das war nur ein Gedankenspiel. Ich werde niemanden beißen, versprochen.«
Damien würde ihm gerne glauben, aber er weiß aus eigener Erfahrung, wie übermächtig der Blutdurst werden kann, ganz egal, wie ernst gemeint das Versprechen ist. Ein hungriger Vampir ist ein gewissenloses Monster.
Es ist gleich neunzehn Uhr und er will endlich in Erfahrung bringen, wer ihn herbestellt hat. Natürlich könnte es sich um eine Falle handeln. Er steht auf der Todesliste sämtlicher alten Vampirclans und deren Schergen. Andererseits hält er es für sehr unwahrscheinlich, dass sie ausgerechnet einen Weihnachtsmarkt für ihre Falle auswählen würden. Sie mögen es düster und gruselig. Friedhöfe, Burgen und nebelverhangene rumänische Gebirgsketten. Trotzdem hat Agnetha darauf bestanden, dass er sich nicht allein auf den Weg macht. Um genau zu sein, wollte sie ihn unbedingt begleiten. Diesbezüglich war sie sogar ziemlich hartnäckig. Agnetha ist vieles: tapfer, sturköpfig, temperamentvoll und heiß wie Silvesterfeuerwerk in der Hölle. Aber leider ist sie nur ein Mensch. Er wird sie auf keinen Fall einer unbekannten Gefahr aussetzen.
Also hat er sich zusammen mit Armand einfach heimlich aus dem Staub gemacht. Immerhin hat er einen Post-it an den Kühlschrank in der Schiffskajüte geklebt. Bin bald zurück! Bringe dir einen gefüllten Bratapfel mit! Darunter ein Smiley mit langen Eckzähnen.
Die Aussicht auf Bratapfel wird sie hoffentlich versöhnen.
Er zieht sein stumm geschaltetes Smartphone aus der Tasche und entdeckt siebzehn Anrufe und dreiunddreißig neue SMS von ihr. Die letzte besagt: Schieb dir deinen Bratapfel sonstwohin!
Er will lieber nicht wissen, was in den anderen Nachrichten steht. Wenn Agnetha wütend ist, kann sie sehr kreativ werden.
Armand schaut über seine Schulter und fletscht die Zähne. »Was meinst sie mit dem Bratapfel? Ich habe echt nichts gegen Fetische – aber Bratapfel? Darf ich zuschauen, wenn ihr …? Du weißt schon.«
»Sie ist sauer auf mich. Wahrscheinlich steht sie jetzt gerade an Deck, brüllt Beleidigungen in den Wind und tunkt ein Nudelholz in Weihwasser.«
»Es gibt kein Nudelholz auf unserem Schiff, mein Freund.«
»Umso schlimmer. Dann wird sie nämlich improvisieren«, erwidert Damien und klopft den Schnee von seinem Mantel, bevor er seine Sonnenbrille hervorholt und sie aufsetzt. Es ist eine Gewohnheit, die zwar unnütz, aber irgendwie cool ist, genau wie sein schwarzer Schurkenmantel mit den flatternden Schößen. Wenn er schon zu einem Dasein als Wesen der Nacht verdammt ist, dann doch bitte mit Stil.
»Weihwasser richtet keinen Schaden an«, sagt Armand. »Du könntest es als Badezusatz verwenden oder meinetwegen deinen Tee damit aufbrühen. Es spielt keine Rolle.«
»Ich trinke keinen Tee.«
»Du hörst mir einfach nicht zu, Adelssöhnchen.«
Sie treten aus dem Schatten der Kirche und schlüpfen zwischen zwei Buden hindurch. Um die eingestürzte Verkaufshütte hat sich eine Menschentraube gebildet, also schlagen sie die andere Richtung ein, um sich unauffällig unter die Menschen zu mischen.
Das zumindest war der Plan.
Vor ihnen teilen sich hastig die Passanten. Viele schauen sofort weg, andere springen beiseite, eine alte Frau bekreuzigt sich gar. Es liegt nicht unbedingt an ihrem Outfit, obwohl Armand durchaus eine schillernde Erscheinung ist. Einmal exzentrischer Rockstar mit dunkler Vergangenheit, immer exzentrischer Rockstar mit dunkler Vergangenheit. Nein, die Menschen spüren instinktiv, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Eine düstere, unheilvolle Aura geht von ihnen aus und trübt den Lichterglanz.
Vielleicht liegt es aber auch an Armands geblähten Nasenlöchern, seinem glimmenden Blick und dem leisen Knurren, das er von sich gibt. Sogar Damien verspürt einen Anflug von Gier, als er das warme süße Blut wittert, das überall um sie herum die Luft schwängert. Saftige, satte Menschen mit pochenden Herzen und prallen Adern. In seinem Oberkiefer setzt ein Ziehen ein, als seine Eckzähne sich herausschieben.
»Fuckmistbullshit«, brummt er und versucht angestrengt, an etwas anderes zu denken. An Agnethas Lächeln, wenn er ihr einen Bratapfel mit Marzipanfüllung überreicht. Wie ihr Lächeln sich verbreitert, kurz bevor sie ihm den Apfel an den Kopf wirft …
Während sie verstohlen mit dem Beiboot an Land gerudert sind, hat er eine ganze Flasche Speed Demon getrunken, obwohl sie mit ihren Vorräten sparsam sein müssen. Er braucht also vorläufig kein Blut. Schon gar nicht mit Zimt- und Mandelgeschmack. Es muss wohl an der Weihnachtsstimmung liegen, dass er trotzdem Appetit bekommt. Die Leute sind hergekommen, um sich mit Leckereien vollzustopfen und mit Jagertee und Lumumba abzufüllen, bis die Wangen besinnlich glühen. Er wünschte, er wäre aus dem gleichen Grund hier. Nur noch einmal eine Portion Pommes genießen wie ein ganz normaler Mensch … Anschließend einen puderzuckerbestäubten Crêpe und dazu ein Weihnachtsbier vom Fass.
»Wann hast du das letzte Mal einen Weihnachtsmarkt besucht?«, fragt er im Bemühen, Armand von dessen Hunger abzulenken.
»Hm?« Sein Freund schmatzt.
»Weihnachten. Klingeling und Plätzchen.«
»Kann mich nicht erinnern.« Sein Blick schweift unruhig umher und bleibt an einer hübschen jungen Frau an einem Kerzenverkaufsstand hängen, die ihren Schal lockert und ihren Hals entblößt. »Kerzen«, murmelt Armand. »Ich sollte mir unbedingt diese köstlichen Kerzen anschauen.«
»Finger weg von der Kerzenverkäuferin!« Damien schubst ihn vorwärts. »Sag mir lieber, wie ich Agnetha versöhnen kann.«
»Blöde Frage. Mit Sex natürlich. Sorg dafür, dass sie ihren eigenen Namen vergisst, dann vergisst sie auch, dass du dich vom Schiff geschlichen hast.«
»Funktioniert nicht. Ich spreche aus Erfahrung.«
»Dann wird ein Bratapfel erst recht kontraproduktiv sein. Ich fürchte, du bist am Arsch, mein Freund.« Armands Stimme hat einen heiseren, trockenen Klang bekommen. Nicht mehr lange und sein Hunger wird die Kontrolle übernehmen. Dann gnade ihnen Gott – oder wer auch immer für Vampire zuständig ist.
»Da vorn ist die Glühweinhütte«, sagt Damien. »Was auch immer geschieht: Versuch, niemanden auszusaugen, okay? Wir sind in friedlicher Absicht hier.«
»Sprich bitte nur für dich«, brummt Armand.

 

Kapitel 5

 

Die Glühweinhütte Mein zauberhafter Punsch-Absturz besteht aus einem gemütlichen Holzhaus mit einigen Stehtischen und dem Glühwein-Ausschank an der Seite. Der Boden ist mit Holzschnitzeln bedeckt, ein paar Strohballen an der Wand dienen als Sitzgelegenheit. Auf den Tischen flackern Windlichter.
Seltsamerweise sind die fünf Bullhead-Rocker die einzigen Kunden in der Hütte. Trotz der interessanten Karte, der anheimelnden Atmosphäre und der günstigen Preise scheint Punsch in diesem Jahr nicht angesagt zu sein.
»Das liegt an dir, Dog«, sagt Ghost tadelnd. »Du verbreitest bedrohliche Vibes. Versuch es mal mit einem Lächeln.«
Dog fletscht die Zähne. »Besser?«
»Lieber Himmel, nein. Vergiss das mit dem Lächeln.« Ghost studiert die angeschlagene Getränkeliste. »Was zum Henker ist ein Brodelndes Inferno
»Rumpunsch mit Rum, Rum und Rum«, sagt die junge Frau hinter der Theke, die ein Rentiergeweih aus Plüsch in den kurzen Haaren trägt. »Wir haben siebzehn verschiedene Punsch-Sorten im Angebot. Da wäre der Punsch me deeply, dann der Poison Punsch, der Blutwurz Ratze-Punsch und natürlich der Satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Michael Ende.« Sie verdreht die Augen. »Ich würde ein Kind nicht mal daran schnuppern lassen. Unser Spiritus Sanctus ist auch zu empfehlen. Heißer Weißwein mit Wodka, Gin und Vanillezucker. Oder darf es Die Schöne und der Punsch sein? Mit Schirmchen. Schaut mich nicht so an. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen.«
»Einfach nur Glühwein mit einem Schuss Amaretto?«, fragt Ghost leicht verzweifelt.
»Süßer, diese Bude heißt nicht grundlos Mein zauberhafter Punsch-Absturz. Hier gibt es Punsch und sonst gar nichts.«
»Punsch ist absolut okay«, sagt Dammit. »Überrasch uns, Schätzchen. Die erste Runde geht auf mich. Mein Freund hier«, er schlägt Ghost auf die Schulter, »nimmt definitiv den Wunschpunsch.«
»Klein, mittel, groß?«, fragt die junge Bedienung geschäftsmäßig und deutet auf drei verschieden große Keramikbecher.
»Groß selbstverständlich. Du gibst dich doch auch nicht mit kleinen Dingen zufrieden, oder?« Dammit zwinkert ihr zu und prompt errötet sie.
Falls sie sich Hoffnung auf ein Happy End mit Bad Boy und Punsch macht, wird sie eine herbe Enttäuschung erleben. Dammit probiert zwar gerne seinen Charme aus, aber er würde sich eher entmannen lassen, als Coy zu betrügen. Die beiden sind so fest miteinander verbunden, dass kein Blatt dazwischen passt. Coy ist längst sein verlässlicher Anker geworden, seine Rettung, sein Zuhause. Umgekehrt gilt das Gleiche.
French lehnt sich an die Holzwand und beobachtet seine Freunde. Ein angenehmes Gefühl breitet sich in ihm aus. Sie haben vieles gemeinsam erlebt und einige wahrhaft schlimme Dinge durchgestanden, sie haben ihre Schwächen offenbart und ihre Stärken gezeigt. Wichtiger noch: Sie haben ihre Seelenpartner gefunden, so unperfekt perfekt wie sie selbst. Egal, was kommen mag: keiner von ihnen wird je allein sein. Sie alle sind auf die eine oder andere Art angekommen.
Er sieht Weeds’ Gesicht vor sich und seine Brust weitet sich. Wärme durchströmt seine Glieder. Nur sie hat zuverlässig diese Wirkung auf ihn. Sobald er nur an sie denkt, wird ihm warm uns Herz und ein paar Etagen tiefer regt sich auch etwas …
Verdammt, das ist definitiv der falsche Moment, um hart zu werden.
Dog stößt ihn an. »Wirst du gerade besinnlich, Enforcer?«
»Fuck, nein. Wie kommst du …?«
Sie beide starren auf Frenchs Schritt.
Dog grinst.
»Ja, mein Gott, ich bin unsterblich verliebt in meine Frau.« French seufzt theatralisch. »Sie ist großartig, sie gehört zu mir und manchmal möchten wir uns gegenseitig erwürgen. Ich liebe sie mehr als mein Leben.« Er zuckt die Schultern. »Und wie läuft es bei euch so?«
»Ziemlich gut, glaube ich.« Dog räuspert sich. Er und seine selbst erwählte Familie, bestehend aus Emilia, der kampflustigen Mechanikerin und Florin, dem verlorenen, elternlosen Jungen, sind längst Teil der Bullheads geworden. »Ich bin verdammt froh, dass wir Weeds und dich als Nachbarn haben.«
»Du wirst deine Worte bereuen, wenn du nach Hause kommst und Emilia dir zu Weihnachten einen Zucchiniauflauf serviert.«
»Ich dachte, wir feiern Weihnachten bei euch.«
»Davon weiß ich nichts.«
Wieder grinst Dog. »Weeds hat den ganzen Club eingeladen. Sie will ein Vier-Gänge-Menü machen, mit allem Drum und Dran.«
»Davon weiß ich nichts«, wiederholt French. Eine Schweißperle rinnt seine Stirn hinab. Da geht sie hin, die Ruhe und Besinnlichkeit am Heiligabend.
»Alle wissen es, Enforcer. Aber wenn es dir lieber ist, verzichten wir.«
»Mach dich nicht lächerlich. Ich wette, die anderen bringen Geschenke für euren Jungen mit. Es ist sein erstes richtiges Weihnachten, nicht wahr?«
Dog nickt.
»Euer Floh wird ein Bullhead werden, daran führt kein Weg vorbei. Und was Emilia betrifft«, er schaut seinen Freund an. »Sie steht unter meinem persönlichen Schutz. Wenn du Scheiße baust, bekommst du es mit mir zu tun, kapiert?«
»Danke, Mann. Das bedeutet mir viel«, sagt Dog ernst.
»Aber ich kann nichts dagegen tun, dass sie mit Dammit zusammenarbeitet«, erinnert ihn French. »Du weißt schon: Es-gibt-keine-dummen-Ideen-Dammit.«
»Es wird schon nicht so schlimm werden.«
Sie beide schauen sich an, dann brechen sie in Lachen aus.
»Darf ich mitlachen?« fragt Dammit, der große Keramikbecher mit dampfendem Punsch verteilt.
»Lieber nicht. Eigentlich ist es auch gar nicht so lustig«, antwortet Dog.
Ghost schnuppert an seinem Krug. Seine Wangen werden rot. »Heilige Scheiße. Wenn ich das trinke, falle ich tot um. Warum genau sind wir noch einmal hier?«
French setzt zu einer Antwort an, doch jemand kommt ihm zuvor.
»Das wüssten wir auch gern.«

 

Kapitel 6

 

»Hier wimmelt es ja nur so von Rockern«, murmelt Rosco und fügt in Gedanken hinzu: Verdammte Motorradhippies.
»Habt ihr uns hierher bestellt?« Jules baut sich vor einem hochgewachsenem Mann in Lederkluft und mit wildem dunklen Haarschopf auf.
Der Kerl mustert ihn abschätzig. Er sieht aus wie ein typischer Einprozenter und doch wieder nicht. »Die Wölfe von Steenport. Das nenne ich mal eine Überraschung. Ihr seid weit weg von Daheim.« Seine braunen Augen glitzern. Er dreht sich zu seinen Freunden um und ruft: »Herhören, Leute! Das sind Jules Batiste und Rosco. Wir haben geschäftlich mit ihnen zu tun.«
»Dann bist du der berühmte Frenchman«, stellt Rosco fest.
Er hat den Rocker noch nie persönlich gesehen. Jules ist für die Verhandlungen und Deals zuständig, Er selbst kümmert sich ums Administrative.
»Wozu diese weihnachtliche Betriebsfeier?«, fragt Jules. »Ein Zoom-Meeting hätte es auch getan.«
»Wir haben nicht …« French sammelt sich. »Punsch, die Herren?«
»Sehr gerne, Enforcer.« Zu Rosco sagt er: »Die Bullheads sind genauso ahnungslos wie wir.«
Ein eisiger Wind weht durch die Hütte. Kerzen flackern und Schatten breiten sich aus.
Zwei Gestalten verdunkeln den Eingang zur Hütte. Der eine trägt einen altmodischen pelzbesetzten Mantel und darunter Brokat und Seide. Die rotschwarze Pudelmütze auf seinem Kopf verleiht ihm einen eigenwilligen Touch. Er kommt Rosco vage bekannt vor. War da nicht mal vor Ewigkeiten etwas mit einem Rockstar, der plötzlich verschwunden ist? Der Kerl wirkt krank, sein Gesicht ist aschfahl, seine Augen haben einen eigentümlichen Glanz.
Der andere sieht auf den ersten Blick beinahe harmlos aus, sieht man einmal von der Tatsache ab, dass er eine Sonnenbrille trägt. Seine Haare sind einen Ticken zu unordentlich und eine Winzigkeit zu lang, was seine lässige, unverschämte Attraktivität nur unterstreicht. Von ihm gehen gewisse rebellische Vibes aus, die Rosco nur allzu gut von seinem Mädchen kennt. Die Kleidung des Fremden besteht aus dunklen Jeans, schwarzen Schnürbotts und einem dunklen T-Shirt, völlig unpassend für diese frostigen Temperaturen. Darüber trägt einen offenen schwarzen Mantel, dessen Schöße dramatisch flattern, obwohl in der Hütte kein Wind weht.
Er nimmt seine Sonnenbrille ab und schaut sich um. Sein Blick jagt Rosco unwillkürlich einen Schauer über das Rückgrat. Als könnten diese Augen viel mehr sehen als nur das Offensichtliche.
Etwas stimmt ganz und gar nicht mit diesem jungen Mann – okay, mit allen beiden stimmt etwas nicht.
Rosco überkommt die dumpfe Gewissheit, dass der heutige Abend einen gänzlich unerwarteten Verlauf nehmen wird.

 

Kapitel 7

 

Frenchman wechselt einen Blick mit Jules Batiste. Der junge Gangsterboss aus dem Norden sieht ebenso verwirrt aus wie er selbst.
»Sind wir zu spät?«, fragte der junge Typ mit dem Flattermantel.
»Zu spät für was?«, fragt Frenchman lauernd.
»Für das geheimnisvolle Treffen, zu dem wir eingeladen wurden.« Er hält sein Smartphone hoch.
Treffen 19:00 Uhr Glühweinhütte am Weihnachtsmarkt. Wichtig!!!!!
»Wir sind aus dem gleichen Grund hier«, sagt Jules. »Wenn ihr nicht diese SMS verschickt habt, wer dann?«
Sie alle schauen sich an.
»Ich kenne dich«, sagt der große Kerl mit der Pudelmütze zu Jules. »Aus den Nachrichten. Ihr seid die Drogenbosse in unserer Stadt.«
»Eure Stadt?«, knurrt Rosco. »Steenport gehört immer noch uns. Und welchem Wanderzirkus seid ihr beide entsprungen?«
Der Mann bleckt die Zähne und Rosco stolpert jäh einen Schritt rückwärts. Er ist nicht der einzige. Alle starren auf die langen spitzen Hauer, die der Kerl mit einem hungrigen Grinsen präsentiert.
»Sind die echt?«, fragt Dammit fasziniert.
»Armand«, mahnt der junge Typ mit dem Flattermantel sanft. »Du hast versprochen, dich zusammenzureißen.«
»Tschuldigung«, murmelt der andere und klappt den Mund wieder zu. Aber sein gieriger Blick bliebt. Er mustert jeden einzelnen von ihnen auf eine Art, die French eine Gänsehaut verursacht. Die Atmosphäre steht unter Strom.
»Armand leidet unter … akutem Eisenmangel«, sagt Flattermantel seufzend. »Ich bin übrigens Damien von Baro. Das hier ist also keine Falle der Kinder Babylons?«
»Hä?«, macht Dog ratlos.
Jules und Rosco wechseln einen Blick. »Den Namen von Baro kenne ich«, sagt Jules langsam. »Altes Adelsgeschlecht, stinkreich, mächtig. Euch gehört dieses große, düstere Anwesen außerhalb der Stadt.«
»Mir nicht«, sagt Damien. »Ich bin von meiner Familie zur persona non grata erklärt worden und wohne zusammen mit … mit Freunden auf einem alten Fischkutter. Vor drei Monaten haben wir meinen Vater vom Meeresgrund geborgen. Er wurde verurteilt und von der Legion versenkt und hat ziemlich lange Zeit in einer Kiste …« Als er die Blicke der anderen bemerkt, bricht er ab. »Ist auch egal. Es geht ihm gut, falls es jemanden interessiert.«
Weitere Blicke werden gewechselt.
»Ich sage euch, das sind fucking Vampire«, flüstert Ghost etwas zu laut. Das Wort bleibt in der Luft hängen.
Jeder von ihnen spürt überdeutlich die finstere, kalte Aura, die von Damien und Armand ausgeht.
»Unsinn. Es gibt keine Vampire.« Doch Frenchs Stimme hört sich nicht einmal in seinen eigenen Ohren überzeugend an.
»Du kennst dich natürlich aus, Enforcer«, sagt Saint spöttisch. »Die spitzen Eckzähne sind bestimmt nur ein zahnärztlicher Unfall.«
»Erwischt. Wir sind gottverfluchte Kreaturen der Nacht. Blutsauger. Strigoi. Unsterbliche. Draculas Brut. Blablabla …« Damien zuckt mit den Schultern. »Habt ihr ein Problem damit?«
»Äh, ja«, murmelt Dog. »Nicht, dass ich intolerant wäre, aber ich möchte mein Blut gerne in meinem Körper behalten.«
»Und ich sag noch: Packt die Pflöcke ein«, brummt Dammit.
»Hast du nicht gesagt!«, meckert Ghost.
Damien verdreht die Augen. »Wir beißen schon nicht.«
French zieht die Brauen zusammen. »Bist du sicher? Dein Freund macht auf mich einen ziemlich hungrigen Eindruck.«
Wieder treten alle einen Schritt zurück und starren Armand an, der herausfordernd – und gierig – die Blicke erwidert.
Ghost räuspert sich. »Sie haben hier ein paar echt interessante Punsch-Kreationen. Vielleicht ist ja etwas für dich dabei.«
»Ich empfehle den Seething Potion.« Die Stimme der jungen Frau hinter dem Tresen lässt alle herumfahren. »Der steht zwar nicht auf der Karte, aber er ist echt gut.« Eingeschüchtert und fasziniert zugleich mustert sie die Gruppe. »Glaube ich zumindest. Hab ihn nie probiert. Der Chef hat ihn höchstpersönlich zusammengemixt für … Na ja, für besondere Kunden. Er meinte, ich würde schon wissen, wenn es so weit wäre.«
Rosco nimmt sie ins Visier. »Wo ist dein Chef?«
»Der kommt erst nach Feierabend, um die Einnahmen zu zählen. Er ist ein bisschen seltsam.« Sie nickt zu Damien. »So wie ihr beiden, aber definitiv hässlicher.« Mit eindeutigem Interesse gleiten ihre Augen über Damien, der ein amüsiertes Grinsen aufsetzt.
»Ich bin vergeben«, sagt er.
»Ich nicht«, wirft Armand mit wackelnden Augenbrauen ein und leckt sich über die Lippen. Er schaut der jungen Bedienung direkt in die Augen und French glaubt zu spüren, wie die Luft schwer und stickig wird, fast schon betäubend. Ihre Züge werden weich und schlaff, ihr Blick bekommt einen hypnotisierten Ausdruck.
»Hör schon auf damit.« Damien versetzt ihm einen Stoß. »Wir sind geschäftlich hier.« Und an die Frau gewandt: »Wolltest du nicht Feierabend machen?«
Sie blinzelt. »Wollte ich?« Das Plüsch-Geweih auf ihrem Kopf gerät in gefährliche Schieflage, als sie den Kopf schüttelt. »Geht leider nicht. Ich versuche hier nämlich, mein Studium zu finanzieren.«
French pult ein paar Geldscheine aus der Tasche. »Kommt schon, Jungs. Lasst euch nicht lumpen.«
Mit theatralischem Seufzer zückt Jules Batiste seine Geldbörse, die anderen tun es ihm gleich. Kurz darauf liegt ein ansehnlicher Stapel auf der klebrigen Theke.
»Macht bitte die Feuerstellen aus, wenn ihr geht«, sagt die Frau und wirft das Geweih in eine Ecke, um nach ihrer Jacke zu greifen. »Viel Spaß mit … Was auch immer hier abläuft.« Hastig stopft sie das Geld in ihre Umhängetasche, dann ist sie fort.
Ghost begibt sich hinter die Theke und betrachtet die Auswahl. Schließlich zieht er eine staubige Flasche unter dem Tresen hervor, auf deren Etikett Seething Potion steht. Er öffnet sie und schnuppert. »Heilige Scheiße, das riecht echt widerlich«, murmelt er, dann gießt er den Inhalt in einen Topf. »Es klumpt.«
»Für mich bitte nur ein Wasser«, sagt Rosco sofort.
»Wer auch immer uns herbestellt hat, weiß offenbar, was ihr seid«, sagt Dog zu den beiden Vampiren. »Wie alt seid ihr, wenn man fragen darf?«
»Hab’s vergessen«, murmelt Armand, der die Augen nicht von dem roten Zeug in dem Topf abwenden kann.
»Eindeutig zu jung für diese Scheiße«, sagt Damien. »Auf wen warten wir hier? Und warum?«
»Wenn du die Antwort nicht weißt, kann ich dir auch nicht weiterhelfen«, erwidert French. »Äh, nur der Form halber: Ihr habt nicht vor, uns in den Nacken zu beißen, ja? Meine Frau fände es gar nicht lustig, wenn ich mit Spuren am Hals nach Hause komme.«
»Wir sind keine unzivilisierten Monster«, erwidert Damien herablassend.
»Sprich nicht für mich, Kumpel«, sagt Armand. »Du bist bloß ein Mischling.«
Kaum hat Ghost den Keramikbecher mit dem seltsam metallisch riechenden Punsch gefüllt, streckt Armand seine beringten Finger aus und reißt ihm das Gefäß aus der Hand. Mit langen Zügen trinkt er das rote Zeug. Etwas rinnt an seinem Kinn hinab und tropft zu Boden.
Es ist wie ein Unfall: French möchte wegschauen und kann es doch nicht.
»Mehr«, knurrt Armand, dessen Wangen allmählich eine lebendige Farbe bekommen.
Mit leicht angeekelter Grimasse füllt Ghost den Becher ein zweites Mal. »Okay, und wer möchte einen normalen Punsch?«
Dammit hebt die Hand. »Mit viel Alkohol bitte. Vielleicht kann ich mir dann einreden, dass die beiden Typen nur ein Produkt meines besoffenen Verstandes sind.«
»Das klingt nach einem Plan«, murmelt Jules. Seine Coolness hat tiefe Risse bekommen. »Verdammt, ich dachte, ich würde Steenport in- und auswendig kennen. Ich hatte ja keine Ahnung.«
»Frag mich mal«, sagt Damien missmutig. »Ich hatte mir meine Zukunft auch anders vorgestellt. Party machen, jobben und so weiter. Jetzt verbringe ich die Nächte auf Friedhöfen und versuche eine Rebellion anzuzetteln. Ich kann mich nicht einmal in eine verfickte Fledermaus verwandeln!«
»Falls es dich tröstet: Niemand mag Fledermäuse«, sagt Rosco im Versuch, die angespannte Atmosphäre aufzulockern. »Batman ist nicht annähernd so cool wie Iron Man.«
»Hab ich’s nicht immer gesagt?« Armand nickt bekräftigend.
»Nein, hast du nicht«, erwidert Damien. »Im Übrigen …«
Er unterbricht sich, als ein eisiger Windstoß durch die Hütte jagt. Die Kerzen in den Windlichtgläsern flackern und erlöschen. Die Lichterketten unter dem Hüttendach wirken plötzlich viel zu trübe. Dunkelheit kriecht aus allen Ecken heran.
Damien zieht die Schultern hoch und raunt: »Wir sind nicht mehr allein.«
Sofort machen sich alle kampfbereit. Hände greifen unter Jacken, Finger legen sich um Messergriffe.
»Offenbar hat die Party schon ohne uns angefangen«, ertönt eine Stimme vom Eingang.

 

Kapitel 8

 

Amon betrachtet die Männer in der Hütte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einige von ihnen gehören eindeutig einer Biker-Gang an. Sie tragen zwar keine Kutten mit Patches, sondern normale Lederjacken oder Parkas, aber er erkennt seinesgleichen. Auch wenn sie abgesehen von ihren Motorrädern nicht viel gemeinsam haben.
Die anderen Männer lassen sich weniger leicht zuordnen. Der Blonde mit dem Hollywood-Lächeln könnte Model oder Schauspieler sein, aber von ihm geht eine gut versteckte Skrupellosigkeit aus, genau wie von dem Kerl mit dem Wolfs-Tattoo an der Halsseite.
Dann sind da noch zwei weitere Personen, die eindeutig in der Dunkelheit zuhause sind.
Strigoi.
Raym und Az erscheinen an seiner Seite. »Das ist der Treffpunkt?«, fragt Raym stirnrunzelnd. »Und wer sind die da?«
»Die gleiche Frage stellen wir uns auch gerade«, sagt der junge Strigoi im langen Mantel. Er kneift die Augen zusammen. »Ich spüre finstere Vibes. Was stimmt mit euch Jungs nicht?«
Der Rocker mit dem wilden schwarzen Haarschopf stöhnt auf. »Bitte nicht noch mehr Nackenbeißer.«
Amon grinst. »Keine Sorge, wir sind auch nur eine harmlose Biker-Gang. Man nennt uns Höllenreiter.«
Raym dreht sich um und präsentiert das Color auf seinem Rücken.
»Hab schon mal von euch gehört«, sagt ein anderer Mann. Er sieht aus wie jemand, dessen Hobby es ist, regelmäßig in Schwierigkeiten zu geraten. »Ich dachte, ihr seid bloß ein gruseliger Mythos. Ihr wisst schon: Wenn du deinen Teller nicht leerst, kommen die Höllenreiter und nehmen dich mit.«
Raym kräuselt die Lippen. »Wir verschleppen keine kleinen Kinder. Sie schmecken nicht besonders gut.«
»Sei still. Die glauben dir jedes Wort.« Amon versetzt ihm einen Rippenstoß. »Ihr seid die Bullheads, richtig? Den da kennt jeder.« Er nickt zu dem Mann mit dem dunklen, zerzausten Haar und dem scharfen Blick. »Der berüchtigte Frenchman, der von einer Frau an die Leine gelegt wurde.«
»Shit happens«, sagt French schulterzuckend, dann schaut er die drei Neuankömmlinge genauer an. »Sag mal … Kann es sein, dass eure Augen glühen?«
Er gibt sich locker, aber Amon kann die lauernde Wachsamkeit spüren, die von ihm ausgeht.
»Durchaus möglich«, sagt er ungerührt. »Es ist eine Kirche in unmittelbarer Nähe, darauf reagieren wir etwas allergisch. Religiöse Schwingungen. Ewige Verdammnis. Ihr wisst schon.«
»Nein, weiß ich nicht.«
Dieser Mann misstraut ihm und Amon kann es ihm nicht verdenken. Er weiß nicht einmal, warum er hergekommen ist. Die SMS hat dringlich geklungen, aber jetzt wünschte er, er wäre bei Josea geblieben. Er gehört nicht an diesen friedlichen, glitzerhellen Ort und habt auch keine Lust, seine wahre Natur zu verbergen.
»Das sind Dämonen«, sagt der junge Typ in dem Flattermantel fachmännisch.
»Oh, klar, natürlich. Dämonen«, murmelt ein breitschultriger Rocker im Hintergrund. »Ghost, ich brauche noch einen Punsch. Einen doppelten mit extra Schuss.«
»Für mich bitte mit Wodka«, sagt der blonde Typ, der sich sichtlich um Fassung bemüht.
»Heißer Wodka mit einem Schuss Punsch, kommt sofort.« Der Mann hinter der Theke kippt eilig ein paar Flaschen in einen Topf. Würzig-scharfer Alkoholgeruch breitet sich aus.
»Und wer seid ihr anderen?«, fragt Az. »Warum habt ihr uns herbestellt?«
»Das waren nicht wir«, sagt French. »Wir wissen nicht, was hier gespielt wird. Aber allmählich ahne ich, warum als Treffpunkt ausgerechnet eine Punsch-Hütte ausgewählt wurde.«
»Oh, richtig.« Raym schlendert zur Theke hinüber und tunkt die Hand in die brodelnde Flüssigkeit. Er leckt nacheinander jeden Finger ab und merkt erst jetzt, dass die anderen ihn mit angehaltenem Atem beobachten. »Was ist los?«
»Das ist kochend heißer Punsch«, merkt Mann hinter der Theke hilfreich an.
»Na und? Ich bin in der Hölle geboren.« Er wackelt mit den unversehrten Fingern.
French räuspert sich und stellt die Anwesenden der Reihe nach vor.
Nachdem Amon seinen Namen und den seiner beiden Freunde genannt hat, stellt er fest: »Wir alle müssen etwas gemeinsam haben, sonst wären wir nicht hier.«
»Und ich sage, wir hätten auf Gelal hören sollen«, sagt Raym. »Dieses Treffen riecht nach Ärger.«
»Wer ist Gelal?«, fragt Rosco.
»Der Mann, der überzeugt ist, dass es sich hier um eine Falle handelt. Er hat es vorgezogen, Weihnachten mit seinem Mädchen zu feiern, statt uns zu begleiten. Er hat eine etwas schlüpfrige Auffassung von Besinnlichkeit.«
»Ich würde auch lieber etwas Besinnliches mit meinem Engel tun«, brummt Amon und nimmt mit einem Nicken einen Becher mit dampfendem Punsch entgegen. »Josea war absolut nicht begeistert, dass ich sie nicht mitgenommen habe. Aber so lange wir nicht wissen, was hier gespielt wird, gehe ich kein Risiko ein.«
»Bring ihr ein kleines Geschenk mit«, schlägt Frenchman vor. »Frauen lieben Geschenke.«
»Solange es sich nicht um ein Bügeleisen handelt«, ergänzt Dammit mit beredtem Blick zu French.
»Wann habe ich je …?«
»Du wolltest es tun! Gib es zu!«
»Wollte ich nicht. Ich bin doch nicht lebensmüde!«
»Bist du wohl!«
»Nicht ansatzweise so sehr wie du!«
Amon ignoriert den Wortwechsel. Er schnuppert, die Dämpfe vernebeln augenblicklich seinen wachen Verstand. »Was ist das für ein höllisches Gesöff?«
Ghost hebt eine leere Flasche an und studiert das Etikett. »Darkness in my Mind-Punsch«, liest er vor. »Mit Honig und Orangen. Ich dachte, das wäre nach eurem Geschmack. Also, die Darkness, nicht die Orangen. Aber ich mache dir gerne einen Kinderpunsch.«
»Fick dich, Bullhead.« Amon stürzt das heiße Getränk hinunter und schüttelt sich. Es enthält eindeutig mehr als nur Honig, Orangen und harmlosen Alkohol. Er glaubt, einen Hauch von Schwefel auf der Zunge zu schmecken und lächelt zufrieden. »Ob Josea sich wohl über ein Räuchermännchen freuen würde?«, sinniert er. »Oder sollte ich ihr lieber ein Päckchen Weihnachtstee mitbringen?«
»Ein warmes, zuckendes Herz wäre viel persönlicher«, schlägt Az vor. »Herzen sind romantisch.«
»Du hast das mit der Romantik immer noch nicht richtig verstanden«, entgegnet Raym.
In der kleinen Hütte ist es mittlerweile recht voll mit Kriminellen, Rockern und dubiosen Gestalten aus der Finsternis. Draußen laufen Weihnachtsmarktbesucher vorbei, doch niemand wagt es, einzutreten. Instinktiv scheinen die Menschen zu spüren, dass heute ein ganz schlechter Zeitpunkt für einen Punsch ist.
Bis jemand an den offenen Eingang klopft.
»Findet hier das konspirative Treffen statt?« Ein Mann mit schneefeuchtem dunklem Haar steht vor der Hütte und lugt ins Innere. Als er Amon und Damien erblickt, weicht er zurück. »Ich glaube, wir sind hier falsch.«
»Aber hier muss es sein.«
Zwei weitere Männer sind hinter ihm aufgetaucht. Der eine trägt einen maßgeschneiderten Anzug unter einem Kaschmirmantel und eine finstere Miene. Der andere verbirgt sein Gesicht unter einer Kapuze, aber das, was von ihm zu sehen ist, macht keinen fröhlicheren Eindruck.
Der Anzugträger schaut auf sein Smartphone, dann hinauf zu dem Schild draußen an der Hütte. »Zum zauberhaften Punsch-Absturz«, liest er. »Hier sind wir richtig.«
Der Mann mit dem dunklen Haar sagt leise: »Wir sollten da nicht reingehen. Es sind ein paar sehr seltsame Vögel anwesend.«
»Noch seltsamer als wir?«, fragt der Kapuzenmann missmutig. »Mir ist arschkalt, Leute. Wenn ich nicht in einer Minute einen heißen Punsch bekomme, geschieht ein Unglück.«
»Na gut, man kann sich das Ganze ja mal anschauen«, sagt der Mann mit dem dunklen Haar zögernd.
»Lasst mich raten: Ihr habt auch eine seltsame SMS erhalten.« Jules Batiste schiebt Amon zur Seite.
»Wegen des Punsches bin ich ganz bestimmt nicht hergekommen.« Der Anzugträger tritt ein, zupft ein glitzergoldenes Lamettafädchen von seinem Ärmel und lässt es mit spitzen Fingern fallen. »Die beiden anderen Typen kenne ich nicht. Wir sind nur zufällig zusammengestoßen. Wie sich herausstellte, hatten wir den gleichen Weg.« Er mustert die Tannenzweiggirlande mit den glitzernden Kugeln, die Windlichter und die goldenen Glöckchen über dem Ausschank und kräuselt die Lippen. »Gottverfluchter Weihnachtskitsch.«
»Ein bisschen besinnlicher Kitsch hat noch niemandem geschadet.« Der Mann mit dem dunklen Haar klopft den Schnee von seiner Jacke. »Kitsch ist im Grunde nichts anderes als Kunst, die durch massenhafte Verbreitung zum kulturellen Klischee geworden ist.«
»Hä?«, macht Dog.
Der Mann seufzt. »Ich bin Drace. Ich mache in Öl.« Er hebt seine farbfleckigen Hände.
»Hä?«, wiederholt Dog.
»Er ist dieser mordende Maler«, sagt Dammit. »Oder der malende Mörder. Boogie hat mal von ihm erzählt, sie haben sich im Knast kennengelernt. Angeblich soll der Kerl berühmt sein.«
»Offenbar nicht berühmt genug«, sagt Drace ironisch. »Denn sonst hättet ihr mitbekommen, dass ich unschuldig bin.«
»Sind wir das nicht alle?«, brummt der Anzugträger und tippt sich auf die Brust. »Alaska. Organisiertes Verbrechen. Mord, Totschlag, Drogenhandel und Eichhörnchenjagd. Die Unschuld in Person. Wie ich sehe, ist die Konkurrenz auch hier.« Er nickt zu Rosco und Jules hinüber. »Ihr Jungs schuldet mir eine Drogenlieferung.«
»Keine Ahnung, wovon du redest«, sagt Rosco gleichmütig.
»Von dem Transporter, der auf dem Weg zu meinen Leuten spurlos verschwunden ist! Er war randvoll mit Kokain.«
»Möglicherweise ist er irgendwo falsch abgebogen und zufällig in Steenport gelandet. Soll vorkommen.«
»Meine Fahrer biegen niemals falsch ab«, knurrt Alaska und greift in seinen Mantel.
Bevor Rosco und Jules es ihm gleich tun können, tritt French eilig zwischen die drei. »Diese Hütte ist Waffenstillstandszone. Ihr könnt euch morgen gegenseitig an die Gurgel gehen. Jetzt haben wir anderes zu tun.«
»Es gibt Punsch, Leute!«, ruft Ghost und stellt drei gefüllte Becher auf den Tresen.
Der letzte in der Runde streift seine Kapuze ab. Ein hellblonder Schopf kommt zum Vorschein, ein markantes Gesicht mit hohen Wangenknochen, ausdrucksvollen Lippen und extrem schlechter Laune.
»Dich kenne ich!« Dammit zeigt auf den Blonden. »Du bist der Frontmann von dieser Band. Preston … Prayer …«
»Priest«, sagt der Mann mürrisch und wärmt seine Finger an einem Becher Punsch. »Leon Priest. Schrei bitte noch lauter, damit es auch ja der gesamte Weihnachtsmarkt mitbekommt. Ich liebe nichts mehr, als in der kreischenden Menge zu baden.« Nacheinander mustert er alle Anwesenden und stockt, als seine Augen an Armand, an Raym und Az hängen bleiben. »Wir haben hier ja eine … sehr bunte Gesellschaft«, sagt er diplomatisch. »Weibsvolk ist anscheinend nicht anwesend. Zufall oder Absicht?«
»Das erfahren wir hoffentlich bald.« French stellt sich selbst und dann die anderen vor. »Wer auch immer dieses Treffen anberaumt hat, scheint der Meinung zu sein, dass wir alle etwas gemeinsam haben. Wir sind nur noch nicht dahinter gekommen, was.«
»Unsere neu entdeckte gemeinsame Liebe zu Punsch wird es wohl kaum sein«, sagt Drace.
»Du bist also Künstler.« French stößt seinen Punschbecher gegen den von Drace. »Das bedeutet: Du kleckst Farbe auf Leinwände und nennst es dann Die Melancholie der Graugänse in der Dämmerung oder so. Und davon kann man leben?«
»Ich komme über die Runden.« Drace nippt an seinem Punsch und hustet. »Was ist das für ein Gebräu?«
»Nennt sich Freaky Fire. Angeblich handelt es sich um Ananas-Kokos-Punsch.«
»Das drin ist im Leben kein Ananassaft enthalten«, murrt Drace. »Was sagst du, Musiker?«
Priest tauscht den Becher mit ihm und stürzt den Inhalt ohne zu zögern hinunter. »Nope. Keine Ananas, kein Kokos. Das ist definitiv der Geschmack von mächtigen Kopfschmerzen am nächsten Morgen, nachdem man die Kloschüssel umarmt hat.«
»Wenn wir schon so harmonisch versammelt sind, sollten wir das Beste draus machen.« Dammit leert seinen eigenen Becher und linst in die Töpfe. »Was hast du noch im Angebot, Ghost?«
Ghost tunkt die Suppenkelle in einen Topf und trinkt. »Das hier könnte irgendwas mit Beerenlikör und Vanille sein, glaube ich.« Nächster Topf. »Und das hier riecht nach … nach …« Er kostet und hustet. Seine Wangen werden knallrot, seine Augen weiten sich. »Heiliger Bimbam. Dafür braucht man den Sprengmittelräumdienst.«
»Perfekt. Mach meinen Becher voll.«
»Meinen auch«, sagt Priest. »Ich werde es zwar innigst bereuen, aber dann habe ich einen Grund, mich verhätscheln und bedauern zu lassen.«
»Oder du erntest ein mitleidloses: Geschieht dir recht. Und es geschieht dir recht.« Drace seufzt. »Mir auch. Prost.«
»Bleibt locker«, sagt Armand aufmunternd. Seine Lippen sind rot verschmiert von dem Seething Potion-Punsch aus der geheimnisvollen verstaubten Flasche. »Was in der Punsch-Hütte passiert, bleibt in der Punsch-Hütte. Frohe Weihnacht!«
»Und warum sind wir nun hier?«, grollt Alaska. »Sollen wir Wichtelgeschenke austauschen oder was? Für Protokoll: Glitzerkram hat eine triggernde Wirkung auf mich.«
»Oh tatsächlich? Was triggert es denn bei dir?«, fragt Amon interessiert.
»Meine Mordlust.«
»Trink noch einen Becher von diesem Teufelszeug und du wirst zu Last Christmas auf dem Tisch tanzen«, sagt Saint mit süffisantem Grinsen. Auch sein Blick hat sich bereits verklärt. »Hey, seht mal! Da kommt noch jemand.«
»Findet hier eine verspätete Halloweenparty statt?« Ein Neuankömmling steht im Eingang, die Hände in die Seiten gestemmt. »Vielleicht kann mir einer von euch weiterhelfen. Ich soll hier jemanden treffen, weiß aber nicht, um wen es sich handelt.«
»Gottverdammt!«, sagt Jules belustigt. »Der Kerl hat uns gerade noch gefehlt!«

 

Kapitel 9

 

Dan Jacoby dreht sich langsam um.
»Na klasse, die Wölfe«, murmelt er. »Mir bleibt auch nichts erspart.«
»Ihr kennt den Typen?«, fragt Dog.
»Leider ja«, erwidert Jules nickend. »Wenn er nicht gerade die halbe Unterwelt von Steenport mit seinem respektlosen Verhalten gegen sich aufbringt, bringt er berufsmäßig unschuldige Hummer um. Keine Ahnung, was wirklich in seinem Kopf vorgeht. Aber er kann ziemlich gut kochen.«
»Hummer sind schon lange von meiner Speisekarte gestrichen, Gangsterboss.« Dan Jacoby schaut sich um und mustert die Anwesenden. Falls er irritiert oder beunruhigt ist, lässt er sich nichts anmerken. »Ist das hier so eine Art Vorhölle? Werde ich jetzt gezwungen, fettige Reibeplätzchen mit Apfelmus aus der Dose zu essen?«
»Der ist witzig.« Dog rempelt French an.
»Er ist eindeutig ein Snob«, sagt French abfällig.
Ghost reicht Dan Jacoby einen Becher mit Punsch, den dieser mit kritischer Miene in den Fingern dreht.
»Das riecht wie eine tödliche Mutprobe. Muss ich das auf Ex trinken, um in den Kreis der Verschwörer aufgenommen zu werden?«, fragt er, schnuppert, dann kostet er. Er lässt den Schluck in seinem Mund kreisen, seine Miene zeigt Verwirrung und Überraschung. »Faszinierend.« Er nimmt einen weiteren, größeren Schluck. »Überaus mysteriös.«
Alle beobachten ihn so angespannt, als würde er gleich eine weltbewegende Weisheit von sich geben.
»Stimmt was nicht mit dem Zeugs?«, will Ghost wissen. »Falls man dir den Magen auspumpen muss, sag den Bullen, dass es nicht meine Schuld ist. Ich bin bloß die unbezahlte Aushilfe. Wir wissen nicht einmal , wem diese Hütte gehört.«
»Offenbar jemandem mit Zugang zu sehr eigenwilligen Zutaten«, sagt Dan Jacoby. »Ich kann nicht einmal die Hälfte herausschmecken.« Er hebt die Nase und schnuppert in die Luft. »Es riecht hier drin auch ein wenig nach warmem Blut. Ihr habt doch nicht etwa …?«
»Keine frischen Toten, ich schwöre.« Rosco, der als einziger auf Punsch verzichtet, deutet auf Armand mit seinem rot verschmierten Mund. »Wir sind nur wegen der interessanten Gesellschaft hergekommen. Leider wissen wir nicht, wer uns herbestellt hat. Es bleibt spannend.«
»Ein paar von uns kennen sich zwar, aber wir haben noch nicht herausgefunden, was wir alle gemeinsam haben.«
»Moralische Flexibilität«, zählt Jules schulterzuckend auf. »Bissiger Humor. Eine Vorliebe für exotischen Punsch. Wahnwitz und Leichtsinn. Und offenbar eine heimliche Sehnsucht nach dem Geist der Weihnacht.« Er zwinkert Alaska zu.
»Geist der Weihnacht … Ich kotze gleich«, brummt Alaska.
»Ich sehe schon: Es wird unterhaltsam.« Dan Jacoby schlendert mit seinem Becher nach hinten und lässt sich auf einen Strohballen sinken, wo er ein Bein über das andere schlägt. »Hoffentlich hat jemand an Popcorn gedacht.«
»Ich bin dafür, den Spinner rauszuschmeißen«, sagt Alaska.
»Der Spinner ist aus einem Grund hierher bestellt worden«, sagt Dan Jacoby gleichmütig. »Der Spinner bleibt.«
Rosco zückt seine Messer und jongliert spielerisch mit ihnen. »Nach all dem Chaos, das du auf dem Night Market angerichtet hast, sollte ich dir dringend ein paar neue Löcher in deinen Körper bohren, Spinner.«
»Vergiss nicht, dass er den Market vor dem Untergang bewahrt hat«, sagt Jules.
»Hab ich nicht. Und auch nicht dieses grausige Menü, das er uns aufgetischt hat. Weißt du noch?« Rosco lässt die blitzenden Klingen durch die Luft tanzen. »Kohlrabi-Röllchen mit Fischrogen. Thunfisch-Herz. Rohe Qualle, verdammt noch mal!«
»Es war eine marinierte Mondqualle, serviert mit einem Sud aus Nuoc-Mam-Sauce«, erwidert Dan Jacoby gleichmütig. »Eine ganz besondere kulinarische Offenbarung.«
»Igitt!«, murmelt French. »Was ist nur aus den guten alten Pommes mit Rumpsteak geworden?«
»Dieses Menü war mein spezieller Dank dafür, dass meine Freundin jetzt für die Wölfe arbeiten muss.« Erfunkelt Jules und Rosco an.
»Sie tut es ganz freiwillig«, erwidert Jules lächelnd. »Niemand war überraschter als ich, dass sie eine erschreckende Neigung zu kriminellen Machenschaften in sich trägt.«
»Ihr zieht Frauen in euer schmutziges Business hinein?« French nimmt die beiden Wölfe ins Visier. »Zwingt ihr sie, Drogen im BH ins Land zu schmuggeln? Oder richtet ihr sie zur abgebrühten Killerin ab?«
Dan Jacoby prustet seinen Punsch durch die Hütte. »Sorry«, sagt er zu niemand Bestimmtem.
»Juno ist äußerst geschickt darin, unsere Geschäfte legal aussehen zu lassen«, antwortet Jules geduldig. »Sie verhandelt mit unseren Partnern und boxt unsere Jungs vor Gericht raus. Sie ist sozusagen unsere Familienanwältin.«
»Freiwillig?«, fragt Dammit mit erhobenen Brauen.
Rosco und Jules schauen sich an.
»Nun …«, setzt Jules an.
»Natürlich nicht freiwillig«, sagt Rosco und deutet auf Dan Jacoby. »Sie tut es wegen ihm.«
»Sie weiß verdammt genau, dass ich damit nicht einverstanden bin«, erwidert dieser.
»Sie weiß auch, dass du bereit bist, dein eigenes Leben für sie zu opfern, Koch. Das will sie um jeden Preis verhindern.« Jules nickt ihm zu. »Du bist fast so durchgeknallt wie ich.«
»Wohl wahr. Schließlich halte ich nicht die Tochter des Steenporter Polizeipräsidenten in einer ehemaligen Irrenanstalt fest«, erwidert der andere.
»Zum hundertsten Mal: Ich halte sie nicht dort fest!«
»Irrenanstalt?«, fragt Damien verwirrt. »Wozu braucht ihr eine Irrenanstalt?«
Bevor Jules zu einer Antwort ansetzen kann, sagt Rosco hastig: »Das wollt ihr gar nicht wissen. Es … ist verstörend.«
»Moment! Der smarte Dreckskerl hält eine Frau gefangen?« Dogs Gesicht verdunkelt sich. Er baut sich vor Jules auf, die Fäuste geballt, um ein Gesicht zu zertrümmern.
»Tu ich nicht!«, sagt Jules augenverdrehend. »Trix gehört mir und die Irrenanstalt ist gemütlicher, als es klingt.«
»Tut er nicht«, bestätigt Dan Jacoby. »Aber ich würde es ihm durchaus zutrauen. Dieses Mädchen hat interessante Dinge mit seinem Verstand angestellt.«
»Oh ja!« Jules lacht und hebt seinen Becher. »Auf die Liebe, meine Herren!«
»Ach ja«, seufzt Alaska und sieht nun gar nicht mehr so übellaunig aus. »Auf die Frauen, die unerwartet in dein Leben stolpern und komplettes Chaos verursachen.«
»Ich liebe Chaos«, brummt Priest und stößt mit Drace an. »Die Würze des Lebens.«
Damiens Mundwinkel krümmen sich verträumt nach oben, sein Blick verliert sich im Nichts.
Rosco steckt endlich seine Messer weg und Dog kippt seinen Punsch hinunter. Für einen kurzen Augenblick glimmert und glitzert die Atmosphäre, als jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt – von denen einige zensiert werden sollten.
»Offenbar haben wir gerade den Club der verliebten Trottel gegründet.« Dammit reibt sich grinsend den Nacken. »Ich bin übrigens Gold-Mitglied.«
Saint hebt die Hand. »Zweiter Vorsitzender.«
»Ich stelle mich gern zur Wahl für den ersten Vorsitzenden«, sagt Ghost. »Ich werde nämlich Vater.« Stolz klopft er sich auf die Brust.
»Herzliches Beileid«, sagt Alaska. »Komm nicht auf die Idee, bei uns anzufragen, ob wir babysitten wollen.«
»Dir würde ich nicht mal eine Topfpflanze anvertrauen«, erwidert Ghost würdevoll. »Unser Kind wird in einen MC hineingeboren. Wahrscheinlich werden China und ich es erst wieder zu sehen bekommen, wenn es sechzehn ist und seine erste eigene Maschine fährt.«
»Bin ich der einzige überzeugte Single hier?« Armand schaut sich um.
»Wir sind auf deiner Seite, Mann.« Raym und Az stoßen ihre Becher aneinander. »Frauen bedeuten nur Schwierigkeiten.«
»Das habe ich früher auch immer gesagt.« French grinst und wackelt mit seinem Ringfinger. »Ohne meine Schwierigkeit wäre mein Leben ziemlich öde.«
Er sieht Weeds’ Gesicht vor sich und sein Brustkorb fühlt sich wieder einmal zu klein für sein Herz an. Jede Faser seines Körpers drängt danach, zu seiner Frau zurückzukehren. Er kennt dieses Gefühl nur zu gut und es überrascht ihn trotzdem jedes Mal aufs Neue, wie unglaublich stark es ist.
Keramikbecher klirren aneinander und anheimelnder Friede breitet sich zwischen den so unterschiedlichen Charakteren aus. Süßer, scharfer Punschduft schwängert die Luft, aus den versteckten Lautsprechern dudelt X-M@$ von Corey Taylor. Gelal hat fast schon vergessen, warum sie hergekommen sind …
… bis etwas in ihre Mitte kracht und zappelnd auf dem Boden landet.

 

Kapitel 10

 

Alle springen auseinander.
Punsch wird verschüttet, Waffen werden gezogen und auf das Bündel gerichtet, das sich zu ihren Füßen windet.
Es ist in eine Decke gewickelt und mit Seilen verschnürt. Höchstens so lang wie ein Unterarm und damit viel zu klein für einen Erwachsenen. Am unteren Ende ragen große nackte Füße mit behaarten Zehen heraus. Eindeutig keine Kinderfüße. Erstickte Geräusche kommen von dort, wo sich der Kopf befindet.
»Was zum …?« Jules stupst das Bündel mit der Schuhspitze an, das augenblicklich erstarrt. Sein Zeigefinger liegt am Abzug seiner Pistole und ist bereit, ein paar Kugeln in das Ding zu jagen.
»Bescherung, meine Herren!«, ruft eine männliche Stimme vom Eingang.
Alle fahren herum. Dort stehen zwei Gestalten in praktischer Combat-Kleidung, kombiniert mit Schal und Handschuhen.
»Wie viele Leute kommen denn noch?«, stöhnt Dammit.
Ein Blick in das Gesicht des Sprechers reicht aus, um sofort zu wissen, dass er nicht zu den braven Bürgern gehört. Obwohl noch recht jung, haben seine dunklen Augen mehr gesehen, als gut für einen Menschen ist. Einige schwarze Haarsträhnen fallen ihm in die Stirn und mildern die scharfkantigen Züge ab.
Der zappelige, tätowierte Kerl neben ihm stößt ein leises, aber definitiv irres Lachen aus. »Von drauß’ vom Walde und so weiter! Der Punsch hier soll angeblich richtig gut sein.«
»Kein Punsch für dich, Bastard«, mahnt der Schwarzhaarige. »Alkohol verträgt sich nicht mit deinen Medikamenten.«
»Das ist eine Privatveranstaltung, Jungs.« Jules senkt die Waffe, ohne sie zu entsichern. »Was auch immer ihr in diese Decke gewickelt habt: Nehmt es und verpisst euch.«
»Dieses kleine Geschenk ist für euch«, sagt der Schwarzhaarige ungerührt. »Und ich bin derjenige, der euch hierher bestellt hat.«
Priest zieht seine Stirn kraus und schaut sich nach versteckten Kameras um. »Falls du hier irgendeine kranke Reality-Show-Sache abziehst, lasse ich deinen traurigen Arsch verklagen, bis du freiwillig den Planeten verlässt – nachdem ich dir deinen Kiefer gebrochen habe, versteht sich.«
»Ich spüre latente Aggressionen im Raum.« Ghost genehmigt sich noch ein Schlückchen.
»Die Sache ist wichtig«, sagt der fremde Schwarzhaarige. »Sie betrifft uns alle. Die einen mehr, die anderen weniger.« Er deutet auf das Bündel am Boden. »Es ist reines Glück, dass mir dieser Kollege dort zufällig über den Weg gestolpert ist.«
»Um ehrlich zu sein, hast du ihn beinahe überfahren, Boss«, sagt sein Begleiter milde.
»Nicht mit Absicht. Er ist unerwartet auf die Straße gerannt und mit meinem Wagen kollidiert. Ist das überhaupt ein Er?«
»Gute Frage.«
Die Anwesenden wechseln verständnislose Blicke untereinander.
»Was zum Teufel hat das zu bedeuten?«, fragt French. »Wer seid ihr Vögel und warum habt ihr ein Entführungsopfer hierher geschleppt? Unsere Frauen machen uns die Hölle heiß, wenn wir zu Weihnachten wieder in Schwierigkeiten geraten!« Er bedenkt Dammit mit einem mahnenden Blick.
»Ich schwöre, ich habe damit nichts zu tun«, sagt Dammit sofort.
»Wieder?«, fragt Priest interessiert. »Ist das bei euch Rockern so eine Art Tradition?«
»Ich kann ehrlich nichts dafür, dass die Sache mit Josef ein bisschen aus dem Ruder gelaufen ist«, verteidigt sich Dammit.
»Könnten wir bitte zum Thema zurückkommen?«, donnert Alaska, dessen Geduld offenbar durch den Punsch nicht positiv beeinflusst wurde. »Wer seid ihr und was geht hier ab?«
»Ich bin Silent«, sagt der Schwarzhaarige. »Mein Mitarbeiter hier heißt Bastard und er ist bissig. Wir kommen aus Hellington.«
»Die Hauptstadt des Verbrechens«, brummt jemand. »Der Abend wird immer besser.«
»Du bist der Hunter, richtig?« Jules steckt seine Pistole weg. »Ihr gehört zum Hellington Heart. Falls ihr zufällig auch eine Drogenlieferung vermisst: Wir haben nichts damit zu tun.«
»Natürlich nicht. Ihr doch nicht«, grummelt Alaska. »Was hat es mit dem … Ding auf sich?« Er geht in die Hocke und piekt einen Zeigefinger in das eingewickelte Persönchen. »Kann es sprechen?«
»Natürlich kann es sprechen, du Kretin«, murmelt das Bündel. »Hör auf, mich zu piesacken.«
»Nun, es war so«, erklärt Silent. »Ich fuhr letzte Nacht nichts ahnend nach getaner Arbeit …«
»Blutvergießen«, murmelt Dammit. »Mord und Gemetzel.«
»… nach getaner Arbeit zurück zum Jagdschlösschen«, fährt Silent ungerührt fort. »Da bricht plötzlich etwas aus dem Unterholz am Straßenrand und gerät in mein Scheinwerferlicht. Natürlich bin ich sofort auf die Bremse getreten. Ich habe ihn wirklich nur ganz leicht berührt.«
»Von wegen ganz leicht«, nuschelt das Bündel. »Der Aufprall hat mich zehn Meter durch die Luft katapultiert.«
»Ich bin rausgesprungen, um zu schauen, ob ich … äh, einen Körper entsorgen muss. Aber das Männlein … Weiblein? … Zum Henker, ich weiß nicht, ob es was Diverses ist oder erst noch seine geschlechtliche Identität finden muss! Jedenfalls hatte es einen Rucksack bei sich und lag überall Papier verstreut. Ich habe die Blätter eingesammelt und überflogen und sofort kapiert, dass er … sie … es auf der Flucht war.«
»Aha«, sagt French betont desinteressiert. »Was geht es uns an?«
Er hat absolut keine Lust, schon wieder in ein merkwürdiges weihnachtliches Drama hineingezogen zu werden. Er will nach Hause und Weeds nach oben ins Schlafzimmer schleppen, um ein paar unchristliche Dinge mit ihr anzustellen. Seinen Freunden geht es nicht anders, wie er nach einem Rundumblick feststellt. Eine Runde Männer-Punsch ist ja schön und gut, aber irgendwann reicht es mit der testosterongeschwängerten Besinnlichkeit.
»Du willst also nicht wissen, vor wem er … sie … es geflüchtet ist?«, fragt Silent mit erhobenen Brauen.
»Nicht, wenn mir die Antwort nicht gefällt.«
Und er weiß genau, dass sie ihm nicht gefallen wird. Der Punsch dient nur dazu, sie zu beschwichtigen, bevor es zur großen Enthüllung kommt.
Alaska hat keine solchen Bedenken. Er zückt ein Springmesser, lässt die Klinge herausschnellen und schneidet die Seile durch, die das geheimnisvolle Bündel zusammenhalten. Er schlägt die Decke beiseite, dann runzelt er die Stirn. »Was zum Henker ist das?«
Ein kleines Persönchen mit wirrem roten Drahthaar und spitzen Elfenohren setzt sich auf und presst einen Rucksack an sich, der beinahe so groß ist wie es selbst. Es ist überhaupt nicht der Jahreszeit entsprechend gekleidet: Eine Latzhose mit einem abgerissenen Träger, ein überaus scheußliches Hawaiihemd, ein Bandana mit Totenkopf ist alles, was es am Leib trägt. Die Knie der Hose sind mit zwei Blümchenaufnähern geschmückt. An einem Handgelenk trägt es jede Menge billiger Armbander, am anderen einen verknoteten Lederriemen. Keine Socken, keine Schuhe, keine Jacke, Im Haar hängen Krümel und welke Blütenblätter. Die Knubbelnase ist mit Sommersprossen gesprenkelt und die Finger sind tintenfleckig, die Nägel grün und schwarz lackiert. French kann nicht sagen, ob es sich um einen Mann, eine Frau oder eine Halluzination handelt. Er weiß nur, dass das arme Ding erschöpft aussieht. Unter den Augen liegen dunkle Halbmonde und das runde Gesicht ist grau vor Erschöpfung. An der Stirn prangt eine fette Beule, am Kinn leuchtet eine rote Abschürfung.
»O je, o je. Das muss ein Albtraum sein«, murmelt das Wesen, während es sich umschaut. »Ausgerechnet … ihr? Alle auf einen Haufen! O Jemine!«
»Du kennst uns?« Alaska piekt es mit der Messerspitze. »Was wird hier gespielt? Wer bist du?«
»Hör gefälligst auf damit, Grobian!«, faucht es. »Ich bin sehr sensibel.«
»Hier, gib ihm einen Punsch«, sagt Ghost und reicht einen Becher über die Theke. »Oder ihr. Was auch immer.«
Der Becher wird zu Alaska durchgereicht.
»Ist da Alkohol drin?«, fragt das Wesen. »Ich darf keinen Alkohol, sagt meine Herrin. Dann mache ich dumme Sachen mit ihren Ideen. Wirklich sehr, sehr dumme Sachen.« Es nimmt die Rocker ins Visier. »Wie zum Beispiel die Geschichte mit dem Stier.«
Konfus wechselt French Blicke mit seinen ebenso verwirrten Freunden.
»Das war ganz allein meine Idee!«, sagt Dammit kategorisch. »Ich stehe dazu, auch wenn es nicht ganz nach Plan gelaufen ist.«
»Ah-ah«, das Wesen wackelt mit dem Finger. »Du glaubst, dass es deine Idee war, Dammit. Ich versichere dir …«
»Woher kennt es meinen Namen?« Dammit stürzt sich auf Silent und packt ihm am Kragen, um ihn hart durchzuschütteln. »Was läuft hier ab, verflucht? Wer zum Teufel ist das?«
Silent hebt die Hände. »Das wollte ich euch gerade …«
Das skurrile Wesen räuspert sich. »Nun, ich bin eine Muse.«

 

Kapitel 11

 

Schweigen breitet sich aus.
»Was für eine Scheiße geht hier ab?«, murmelt Rosco schließlich.
»Eine …was?«, will Amon wissen.
»Eine Muse!« Drace lacht los. »Natürlich! Darauf hätte ich gleich kommen können. Meine eigene Muse sieht aber weitaus schöner aus.«
»Was bitte soll das denn heißen?«, erwidert die rothaarige Muse eingeschnappt. »Penelope ist übrigens keine Muse, sondern …«
»Du kennst sie?«
»Natürlich. Dürfte ich vielleicht …?« Es deutet auf den dampfenden Punschbecher in Alaskas Hand, der ihn bereitwillig dem Wesen reicht. Genießerisch zieht es den Duft ein. »Ein Schlückchen kann sicher nicht schaden.«
»Es gibt keine Musen«, sagt French verzweifelt. »Das da ist nur eine Halluzination, hervorgerufen von zu viel Punsch.« Er schaut sich um. »Ihr stimmt mir doch zu, Jungs?«
»Gruppenhalluzination«, bestätigt Dog mit energischem Kopfnicken.
»Uns gibt es auch«, sagt Damien. »Ich versichere dir, wir sind keine Halluzination.«
»Hast du eine andere Erklärung?«
»Also, ich weiß nicht …«, murmelt Saint. »Wenn ich eine Muse halluzinieren würde, sähe sie definitiv nicht so aus wie das da. Sondern … Ihr wisst schon …«
»Nackt«, sagt Dammit trocken, der immer noch Silent am Kragen gepackt hält.
»Nein, ich meine, irgendwie ätherischer und hübscher. Mit wallenden Gewändern und Glitzer im engelsgleichen Haar und so’n Kram. Aber die Witzfigur da ähnelt eher einem Kobold, der in einer Wandfuge haust.«
»Du liebe Güte, ein selbst ernannter Musen-Experte hat mir gerade noch gefehlt.« Die Muse schnauft und nippt an dem Punsch. »Ahhh«, macht sie mit verklärtem Grinsen. »Und wenn du dich auf den Kopf stellst, Biker: Ich bin eine waschechte Muse. Genauer gesagt …« Er druckst herum. »Na ja, ein Musling. Und ich verbitte mir diskriminierende Bemerkungen zu meinem Äußeren.«
»Was für ein knuffiges kleines Kerlchen«, bemerkt French, um seine Konfusion zu überspielen.
Er hatte schon einige Halluzinationen in seinem wilden Leben, aber keine war so … speziell wie diese. Meist drehten sie sich um Weeds’ unbekleideten Körper und dem, was er mit ihr anstellen würde. Es blieb nicht bei den Halluzinationen. Aber das winzige Wesen mit den krausen roten Haaren überfordert ihn restlos. Er ist Rocker, verdammt! Er kennt sich mit richtigen Dingen aus. Motorräder, Waffen, seine sturköpfige Frau. Mit Vampiren und Höllenreitern kann er sich notfalls auch noch abfinden, aber irgendwann ist Schluss.
»Zu wem gehört das Kerlchen?«, will Drace wissen. »Jede Muse hat einen Herrn – oder eine Herrin.«
»Endlich stellt mal jemand die richtige Frage.« Mit einem kleinen Lächeln löst Silent Dammits Fäuste von seinem Kragen und schiebt ihn überaus behutsam von sich. »Dieser Musling gehört unserer Autorin.«
Wieder schweigen sich alle an, während sie die Botschaft zu verarbeiten versuchen.
»Oha«, brummt Jules schließlich. »Mir schwant Schlimmes.«
»Du hast die Muse unserer Autorin entführt und hierher verschleppt?«, fragt Drace zornig. »Bist du von allen guten Geistern verlassen?«
»Du hörst mir anscheinend nicht zu, Farbkleckser!«, schnauzt Silent. »Das Viech ist abgehauen! Es war reines Glück, dass es mir vors Auto gestolpert ist, sonst …«
»Ich bin kein Viech!«, meckert der Musling und leert hastig den Punschbecher. Mit einem leisen Rülpser wischt er sich über den Mund und streckt Alaska das leere Gefäß entgegen. »Lecker! Kann ich bitte noch einen haben?«
Wortlos erhebt sich Alaska und reicht den Becher an Ghost weiter, der ihn erneut füllt, ihn auf Ex leer trinkt und dann noch einmal füllt. Inzwischen ist er schon ziemlich angeheitert und veranstaltet beim Einschenken eine klebrige Sauerei.
»Leute, ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, den Musling mit Alkohol abzufüllen«, lässt sich Dog vernehmen. »Nur für den Fall, dass er wirklich eine Muse ist.«
»Nicht irgendeine Muse, sondern unsere«, brummt Drace, der das Ganze anscheinend höchst unterhaltsam findet. »Er ist für Neomas kreative Schimpfwörter und ihre bunten Riesenpenisse verantwortlich.«
»Du wohnst in einem Künstlerkollektiv, nicht wahr?«, fragt Silent. »Nach allem, was unser kleiner Freund mir erzählt hat, muss es bei euch ja mächtig abgehen. Vielleicht komme ich mal zu Besuch.«
»Erst einmal erzählst du uns die ganze Geschichte, Hunter.« Alaska reicht dem Musling den vollen Becher, bevor er sich Silent zuwendet. »Und vergiss die Pointe nicht.«
»Vorher braucht er aber etwas zu trinken«, ruft Ghost und panscht mit der Suppenkelle herum. »Also, ich brauche auf jeden Fall noch einen.« Er lallt eindeutig.
Es war keine gute Idee, ihn hinter die Theke zu stellen, denkt French, aber jetzt ist sowieso alles zu spät und er könnte ebenfalls noch einen Becher mit hartem Punsch gebrauchen. Mit etwas Glück schaltet seinen Verstand auf Standby-Modus und morgen ist alles vergessen.
Silent besteht darauf, dass sein Begleiter Bastard nur ein Glas Orangensaft bekommt, was dieser mit einem zähnefletschenden Knurren quittiert. »Es ist besser so für unser aller Gesundheit«, versichert Silent, bevor er den Musling unter den Armen packt und ihn auf die Kante eines Stehtisches setzt. »So, Kumpel … Kumpeline … Erzähl ihnen die ganze Geschichte.«
»Alles?«, quietscht der Musling.
»Alles.«
»Ver-Versprecht ihr, dass ihr mich dann gehen lasst? Ihr werdet mir nichts tun, ja?«
Wieder werden Blicke gewechselt.
»Na klar lassen wir dich gehen«, sagt Jules freundlich. »Wir würden einer Muse niemals etwas zuleide tun. Du bekommst sogar noch einen speziellen Punsch nur für dich mit auf den Weg.« Er lächelt voller Aufrichtigkeit, seine blauen Augen funkeln. Er hatte schon immer die Gabe, sein Gegenüber in Sicherheit zu wiegen.
Der Musling lächelt erleichtert zurück. »Das ist aber lieb.«
Rosco gibt ein Geräusch von sich, das er schnell in ein Hüsteln verwandelt. »Ja, genau. Jules ist weithin dafür bekannt, wie lieb er ist.«
Das Lächeln des Muslings erlischt. »Ich hätte beinahe vergessen …«, brummt er. »Dabei sollte ich doch am besten wissen …« Er nimmt einen langen Schluck, seine Nase beginnt rot zu leuchten. »Jules Batiste betreibt in seiner ehemaligen Irrenanstalt ein illegales Gefängnis. Er tut dort schlimme Dinge. Sehr schlimme Dinge. Und ich war es, der ihr diese Geschichte eingeflüstert hat.«
»Wem?«, fragt Jules interessiert.
»Der Autorin natürlich. Hattest du nicht mal ein nächtliches Gespräch mit ihr wegen deiner … mentalen Instabilität? Der Wolf in meiner Küche, nicht wahr?«
Er nickt und zieht eine Grimasse. »Danach hat sie nie wieder mit mir geredet, geschweige denn einen weiteren Roman über uns geschrieben.«
»Wir durften höchstens noch mal als verdammte Statisten für den verfluchten Koch und sein Mädchen über den Night Market schlendern!«, grollt Rosco.
»Ihr hattet wichtige Sprechrollen!«, widerspricht der Musling. »Und im Epilog durftet ihr sogar …« Er verstummt abrupt, als sich die Mündung einer Pistole in seine Schläfe presst.
»Dir habe ich also den ganzen verfluchten Glitzerkram zu verdanken«, knurrt Alaska. »Das bescheuerte Eichhörnchen und Glöckchengebimmel. Dieses verrückte Weihnachtsgeschenk auf zwei Beinen!« Seine Miene wird zu einer steinharten Maske der Entschlossenheit.
Der Musling schluckt. »Kann meine Antwort gegen mich verwendet werden?«, flüstert er und wagt nicht, sich zu bewegen.
Alaskas Gesichtszüge lockern sich. Mit einem Lachen sichert er die Waffe und steckt sie wieder weg. »Ich wollte dich nur ins Schwitzen bringen, Kleiner.«
»Puh, ich dachte schon …« Der Musling atmet hörbar aus.
Gleich darauf packt ihn Alaska am Kragen des Hawaiihemdes und zieht ihn dicht an sein Gesicht heran. »Aber wenn du noch ein einziges Mal diese Glitzerscheiße mit mir abziehst, werde ich dich als Dekoration auf die Spitze eines Weihnachtsbaums stecken. Dort bleibst du, bis die Krokusse blühen, kapiert?«
»Ka-Kapiert.«
»Dein Glück, dass der ganze Glitzermist mir Lucy eingebracht hat.« Er lässt den Musling los und tritt einen Schritt zurück. »Jetzt erzähl.«
Der Musling räuspert sich, trinkt sich mit einem Schluck Punsch etwas Mut an und legt los.

 

Kapitel 12

 

»In diesem Jahr haben wir so viele Bücher wie noch nie geschrieben und veröffentlicht. Ein paar davon sind dick genug, um sie als Bremsklotz für einen Sattelschlepper zu verwenden.« Der Musling rauft sich die Haare. »Es hört. Einfach. Nicht. Auf. Zu viel Ideen! Zu viele Ideen! Es sind keine netten Ideen. Und sie will aus jeder einzelnen ein Buch machen. Wisst ihr, was das heißt?«
Amon wechselt einen verwirrten Blick mit Damien. »Dass ich das Problem nicht verstehe.«
»Natürlich nicht. Du bist nur ein Dämon und kannst tun und lassen, was du willst, seit ich mich nicht mehr um euch Höllenreiter kümmern muss«, erwidert der Musling genervt. »Ihr habt ja keine Ahnung.«
»Dann klär uns endlich auf, bevor ich die Geduld verliere«, grollt Alaska.
»Du hast ein Aggressionsproblem, weißt du das?«
»Ich habe keines, aber ich werde gleich eines bekommen, du Zwerg.«
»Jeden Tag hat sie neue Ideen und ratet mal, wer sich um jede einzelne Idee kümmern darf. Als ob ich nicht schon genug zu tun hätte! Inzwischen sind es tausende. Tau-sen-de! Sie hat sie alle aufgeschrieben.«
Silent hebt den Rucksack auf, greift hinein und holt beschriebene Notizblätter heraus. »Sie sind hier drin, die Ideen. Es sind ein paar überaus interessante Sachen darunter.«
»Gib her!« Rosco reißt ihm ein Blatt aus der Hand und überfliegt es. »Alter Schwede«, murmelt er.
»Was steht da?« Jules nimmt es ihm ab und liest ebenfalls. »Oha, das ist … tatsächlich interessant.«
»Was? WAS?« Dammit linst über seine Schulter und seine Augen weiten sich. »Ach, schau einer an.«
Das Blatt Papier macht in der Hütte die Runde und jeder murmelt: »Wer hätte das gedacht?« oder »Das ist nicht ihr Ernst.«
»Der Rucksack ist vollgestopft damit.« Silent kippt ihn aus und ein endloser Haufen Blätter segelt zu Boden, jedes einzelne eng beschrieben mit einer krakeligen Handschrift. Manchmal handelt es sich nur um einzelne Wörter, manchmal um ganze Absätze.
»Und das sind noch lange keine fertigen Geschichten, sondern nur ihre Ideen« Der Musling schnauft, sein Gesicht leuchtet rosarot. »Und wer darf den Rest erledigen? Sie wirft mir einen Satz vor die Füße und sagt: So, und jetzt geh los und mach mir die zugehörigen Protagonisten ausfindig. Mit Details und Ortsbeschreibungen und allem. Ich muss mir die Geschichte der Charaktere anhören und sie der Autorin vorstellen. Wenn es nette Ideen wären, dann würde mir das sogar Spaß machen. Aber ich habe es immer mit den finsteren Leuten zu tun. Glaubt mir, das ist kein Zuckerschlecken. Ein paar von denen können nämlich echt gemein sein. Einer wollte mich mal in die Toilette stopfen …«
»Das habe ich nie getan«, sagt French sofort.
»Ein anderer hat mich mit einem lebenden Hummer bedroht …«
»Niemals.« Dan Jacoby sieht nicht einmal schuldbewusst aus. »Es war ein gefrorener Shrimp.«
»Hummer«, insistiert der Musling. »Mit großen fiesen Scheren. Und der da«, er deutet auf Damien, »hat mich mit Tape auf einen Staubsaugerroboter festgeklebt und mitten in der Innenstadt ausgesetzt.«
»Gib es zu, das war lustig«, sagt Damien mit ernster Miene.
Armand grinst.
»War es nicht! Leute haben peinliche Fotos von mir gemacht.«
»Stimmt, du bist zu einem Meme auf Social Media geworden«, sagt Priest. »Falls es dich tröstet: Niemand hat bemerkt, dass du echt bist. Sie haben dich für eine witzige kreischende Puppe gehalten.«
Der Musling blinzelt ihn an. »Sieh nur, wie köstlich ich mich amüsiere.«
»Für eine Muse bist du extrem humorlos«, erwidert Priest. »Du siehst nämlich tatsächlich aus wie eine kuriose Figur, die aus einem düsteren, vergessenen Spielzeugladen am Ende einer Sackgasse stammen könnte. Du weißt schon, wo man Plüschtiere kauft, die nach Mitternacht lebendig werden, und Spieluhren, aus denen Blut tropft, wenn man sie aufzieht.«
»Der Sänger hat ja noch kränkere Fantasien als ich«, brummt Drace.
»Und das haben wir dem da zu verdanken.« Priest nickt zu dem Musling.
»Ich habe dich aus den Buchdeckeln befreit und dir die Freiheit gegeben. Du kannst tun und lassen, was du willst, Musiker. Was willst du noch?« Der Musling blinzelt, leckt sich einen Punschtropfen von den Lippen und schaut in den Becher. »Oh, schon wieder leer. Ob ich wohl noch ein klitzekleines Becherchen …?«
»Das ist vielleicht keine gute Idee«, sagt Dog. »Ich möchte lieber nicht herausfinden, was für Geschichten eine besoffene Muse ausheckt.«
»Uns kann es egal sein«, entgegnet French und schnappt sich den leeren Becher. »Die Autorin hat uns abserviert. Ghost, noch eine Füllung für unseren neuen Freund hier!«
Der Musling schaut einen nach dem anderen an. »Ich kenne die Geschichte von jedem von euch. Ich weiß, wo ihr geboren seid, was ihr am liebsten esst und welchen Unsinn ihr in der Schule angestellt habt.«
»Das mit dem Feuer im Lehrerzimmer war ich nicht«, sagt Dammit sofort.
»Ich weiß, wovon ihr nachts träumt und was ihr fürchtet. Ich kenne all eure Abgründe und bösen Taten«, fährt der Musling fort und nimmt Bastard ins Visier. »Ja, auch deine.«
Bastard hebt grinsend die Hände. »Was soll ich sagen? Schuldig im Sinne der Anklage.«
»Du hast mir Albträume beschert, junger Mann«, grummelt der Musling. »Genau wie der da.« Er zeigt auf Jules.« Aber nicht annähernd so sehr wie die Neuen. Die sind doch nicht etwa auch hier?« Nervös schaut er sich um. »Amos Tanhauser, Lex und Dorian?«
»Nie gehört.« French zuckt die Schultern.
»Von denen stand nichts in deinem Papier-Sammelsurium«, sagt Silent ratlos. »Wer soll das sein?«
»Die drei Neuen! Sagte ich das nicht?« Der Musling zieht die Schultern hoch. »Die Autorin hat mir irgendwas von Katakomben gesagt und von einem Fährmann und schon hatte ich den Salat. Ich habe mich geweigert, mir auch nur anzuhören, was die drei mir zu erzählen hatten, aber was kann ich schon tun? Jetzt hängen sie jede Nacht in der Schreibklause herum und plaudern über Dinge, die …« Der Musling erschauert.
»So schlimm?«, fragt Dog mitfühlend.
»Schlimmer. Viel zu viel für mein zartes Gemüt. Es soll eine Trilogie werden. Der erste Teil wurde bereits veröffentlich und es war erschöpfend für mein zartes Gemüt. Ich weiß nicht, wie ich das überstehen soll.«
»Sind es wenigstens nette Jungs?«, will Rosco wissen.
»Pah! Sie wollten mich in einen Safe stopfen und in einen unterirdischen Fluss versenken. Und das war längst nicht alles. Ich habe der Autorin gesagt, dass ich nicht länger mitmache. Hört sie mir zu? Nein. Also bin ich gegangen. Mir reicht’s.« Dankbar nimmt er den heißen Punsch entgegen und schmatzt behaglich. »Nun jagen sie mich.«
»Du wirst von deinen eigenen Schöpfungen gejagt«, sagt French stirnrunzelnd.
»Nein … Ja … Sozusagen. Sie wollen ja unbedingt ihre gesamte Geschichte in die Welt hinausposaunen. Mich fragt niemand.«
»Damit ich das richtig verstehe: Die Autorin hat irgendeine vage Idee, die sie dir mitteilt und du darfst dich dann an die Arbeit machen?«, fragt Armand.
»Richtig. Sie schreibt im Grunde nur auf, was ihr eingeflüstert wird. Und zwar alles. Von Anfang bis Ende. Ich bin ihre Muse, ihre Inspiration. Ich bringe die Protagonisten zu ihr.« Er beugt sich vor. »Unter uns gesagt: Ihre Ideen sind nicht mal richtige Ideen. Nur so was wie: Ich hätte Lust, was mit Vampiren zu machen. Oder: Gangster! Hafenstadt! Mord und Totschlag! Nie ist etwas Nettes dabei. Und ich soll daraus dann eine komplette Geschichte spinnen.«
»Du machst das gar nicht schlecht, Kleiner … äh, Kleines … Dingens«, sagt Alaska gönnerhaft. »Meine Geschichte hat mir gefallen. Sie war nur ein bisschen kurz.«
»Entschuldige bitte, dass ich zu Weihnachten auch mal frei haben will!«, faucht der Musling. »Ich muss Tag und Nacht kreativ sein. Ihr alle verfolgt mich bis in meine Träume und ihr seid beileibe nicht die einzigen!«
»Also hast du die ganzen Ideen geklaut, in den Rucksack gestopft und bist mitten in der Nacht abgehauen«, schließt Silent. »Um ausgerechnet mir vors Auto zu stolpern, dem Hunter.«
»Ja, das war … nicht sehr geschickt von mir«, murmelt der Musling. »Da hatte ich wohl Pech.«
»Pech!«, schnaubt Silent. »Du weißt genau, dass ich der Hunter bin. Es ist mein Job, Leute zu finden, die sich aus dem Staub machen wollen. Für mich klingt das nicht nach einem Zufall.«
Der Musling windet sich und trinkt seinen Punsch, ohne den Blick zu heben. Er nuschelt etwas vor sich hin.
»Wie bitte?« French legt eine Hand hinter das Ohr.
»Ich sagte: Vielleicht brauche ich eure Hilfe.«

 

Kapitel 13

 

Silent fährt sich durchs Haar. »Ich wusste doch, dass uns nicht der Zufall zusammengeführt hat.«
»Natürlich nicht«, mault der Musling. »Schließlich kenne ich dich. Dachte ich zumindest. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du gleich eine Staatsangelegenheit daraus machst und ein Gipfeltreffen anberaumst.«
»Was willst du von uns?« French trinkt den Rest seines Punsches, der schon kalt geworden ist. Diese Angelegenheit gehört nicht in sein Ressort. Er hält nicht viel von kleinen Gestalten, die es gar nicht geben darf, die aber sein Existenz beeinflusst haben. Da fällt ihm etwas ein … »Stimmt es, dass du nachts heimlich die Manuskripte umschreibst? Die Autorin hat da mal so etwas erwähnt.«
»Hat sie? Kann mich nicht erinnern.« Er schaut überallhin, nur nicht zu French.
»Doch, das habe ich auch gehört«, mischt sich Drace ein. »Du streichst Szenen raus, die dir nicht in den Kram passen …«
»Schmuddelszenen!«, ruft der Musling. »Niemand braucht Schmuddelszenen!«
»Löschst Schimpfwörter und heftige Ausdrucksweisen«, fährt Drace fort.
»Und nimmst uns die Waffen weg und gibst stattdessen Kaffeelöffel in die Hand«, sagt Jules. »Und wir stehen dann plötzlich wie die Trottel vor einer feindlichen Übermacht mit Maschinenpistolen.«
»Wann habe ich je …?«
»Du hast«, unterbricht ihn Jules. »Die Autorin hat es gerade noch rechtzeitig bemerkt, sonst wären wir jetzt nicht hier. Du sabotierst ihre Arbeit.«
»Tu ich nicht! Ich verbessere sie! Es ist ja alles viel zu grausam, was ihr treibt. Und zu schmuddelig.«
»Du bist Muse, kein Literaturkritiker«, knurrt Drace.
»Musling, bitteschön.« Das Wesen stellt die Tasse ab, verschränkt die Arme und hebt das Kinn. »Ich bin eine Besonderheit.«
»Ein Mischling, möchte ich wetten.« Damien grinst freudlos. »So wie ich. Ich rieche meinesgleichen zehn Meilen gegen den Wind.«
»Wir beide haben rein gar nichts miteinander gemeinsam, Adelssöhnchen«, grummelt der Musling.
»Jetzt hast du es mir aber gegeben. Also, was bist du?«
»Ich … Na ja, meine Mutter war eine richtige Muse – Flattergewänder und Engelshaar und all das Brimborium – und mein Vater ein … ein Kobold. Ihr wisst schon, ein Hauswächter, der in den Wänden wohnt und sich niemals blicken lässt.«
»Der Typ, der die Autoschlüssel versteckt und einzelne Socken klaut«, sagt French mit wissendem Nicken. »Der das letzte Stück Schokolade isst und dadurch eine Beziehungskrise auslöst.«
»Das mit der Schokolade warst du, Frenchman.«
»Es gibt keine Beweise«, erwidert dieser sofort. »Außerdem war es vegane Schokolade. Hat komisch geschmeckt.«
»Kommt schon, Leute. Das ist doch Unsinn«, mischt sich Rosco ein. »Erst das da«, er zeigt auf den Musling, »jetzt auch noch Kobolde? Ihr spinnt doch! Es gibt keine Kobolde.«
»Es gibt auch keine Vampire«, sagt Armand trocken.
»Von Dämonen ganz zu schweigen.« Amon lacht leise. »Immerhin wissen wir jetzt, warum unser neuer Freund so … exzentrisch aussieht.«
»Es gibt keine Kobolde!«, beharrt Rosco.
»Ach nein?« Drace stützt sich mit den Ellbogen auf einen Stehtisch, bettet das Kinn in die Hände und scheint sich köstlich zu amüsieren. »Warum tauchen sie dann überall auf? In der Mythologie, in Märchen und Geschichten. Goblins, Gremlins, Leprechauns. Zwerge, Wichtel, Klabautermänner. Lieber Himmel, sogar in Harry Potter und Terry Pratchetts Scheibenwelt spielen sie mit!«
»Und sie wurden von ihren Autoren gar nicht gut behandelt, das kann ich euch sagen«, lässt sich der Musling vernehmen.
»Vermutlich, weil sie auch nachts heimlich das Manuskript umgeschrieben haben«, mutmaßt Drace.
»Oder geklaut«, sagt Silent. »So wie der da … die da.«
»Das war reine Notwehr«, sagt der Musling lahm.
»Aber sie kann ohne dich nicht schreiben«, sagt Dog düster. »Du hast die Geschichten gestohlen.«
»Hab ich nicht. Ich habe nur … äh, ich habe ihr eine kleine Pause verschafft. Vielleicht fallen ihr zur Abwechslung jetzt endlich mal ein paar nette Ideen ein.«
»Und was hattest du mit ihren geklauten Ideen vor?«
»Nichts, das sagte ich doch. Aber wir müssen sie stoppen, bevor sie uns alle in den Untergang reißt! Schaut euch doch nur an, welche Ideen ihr in den Sinn gekommen sind.« Er deutet auf den Papierhaufen.
Rosco bückt sich und hebt ein paar Blätter auf, die er überfliegt. »Lieber Himmel, er hat recht. Da ist ganz schön krasses Zeug dabei.«
»Krass, verrückt, völlig abgehoben, irre, ein bisschen lustig«, brummt der Musling, dessen Kopf jetzt so rot leuchtet wie eine Tomate. »Von allem etwas. Aber keine einzige ist lieb, harmlos, nett. Und ich darf mich damit herumplagen. Mit Leuten wie euch. Ich brauche Urlaub!«
»Musen machen keinen Urlaub«, sagt Drace. »Ich kenne mich aus. Sie sind einfach nur da und schon regnet es Kreativität vom Himmel.«
»Ich bin wie gesagt keine normale Muse, sondern ein Musling. Ich wohne im Bücherregal. Tagsüber sitze ich neben der Tastatur, tunke meine Finger in ihren Kaffee und flüstere ihr alles zu, was ich in Erfahrung gebracht habe. Alle schmutzigen Details. Ich bin schon ganz heiser. Wenn sie wenigstens mal Danke sagen würde. Aber nein! Es heißt immer nur: Musling, ich muss mich mit diesem Bösewicht unterhalten oder Musling, was geschieht als Nächstes?« Er räuspert sich. »Am schlimmsten sind die spicy Szenen. Ihr ahnt ja nicht, was …«
»Oh doch«, sagt Jules mit einem verklärten Lächeln.
»Aber Hallo«, ergänzt Amon.
»So was von.« Dammit grinst.
Der Musling wird dunkelrot. »Ihr nehmt mich nicht ernst.«
»Doch, total«, sagt Ghost, der sich zu ihnen gesellt hat, einen XXL-Becher mit Punsch in der Hand haltend. »Aber ich habe immer noch nicht kapiert, aus welchem Grund Silent uns zusammengetrommelt hat.«
»Und woher er unsere Handynummern hat«, sagt French.
»Na, von ihm … ihr.« Silent deutet auf den Musling. »Das Kerlchen hält unser aller Leben, unsere Zukunft in den Händen. Wir können ihn nicht einfach mit den Ideen der Autorin davon spazieren lassen.«
»Steht da irgendwas über uns drin?«, will Saint wissen. »Irgendwas Neues?«
»Bist du scharf auf noch mehr Ärger, als wir bisher schon hatten?«, faucht French ihn an. »Wenn wir so weitermachen, gibt es irgendwann kein Happy End und dann sind wir am Arsch.«
»Bisher ist es immer gut ausgeg…«
»Ja, bisher.« Der Musling schnauft. »Ihr hattet großes Glück, Jungs. Sie hatte da nämlich ein paar Eingebungen, die euch gar nicht gefallen hätten. Wirklich, wirklich schlimme Eingebungen.«
»Du kannst uns nicht ausstehen, was?«
»Ihr Rocker habt mir das Leben zur Hölle gemacht. Nicht mal an Weihnachten hatte ich meine Ruhe vor euch.« Er schmollt.
»Und was ist mit uns?« Amon hockt sich neben dem Papierhaufen nieder und durchforstet ihn. »Hat die Autorin irgendwann mal die Dämonen erwähnt?«
»Vielleicht, kann sein. Sie bombardiert mich täglich mit neuen Ideen. Ich habe den Überblick verloren.« Der Musling schiebt die Unterlippe vor. »Wenn ihr mir nicht helfen wollt, dann lasst mich wenigstens gehen. Ihr habt es versprochen.«
»Haben wir nicht«, sagt Jules.
»Aber du …«
»Du solltest mich besser kennen. Ich verspreche viel, wenn der Tag lang ist. Und ich habe das Gefühl, dass wir noch nicht weg vom Fenster sind. Stimmt’s?«
»Nicht schon wieder eine Statistenrolle.« Rosco stöhnt. »Wir sind die Wölfe!«
»Und wir die Bullheads«, grollt French.
»Höllenreiter hier.« Raym reckt seine Hand.
»Die kreativen Einzelgänger versammeln sich bitte bei mir«, ruft Drace eindeutig amüsiert. Schnaubend gesellen sich Priest und Dan Jacoby zu ihm.
»Mich würde ja schon interessieren, was die Autorin so für die Zukunft plant«, sagt Ghost.
»Unser neuer Freund  … unsere Freundin wird es uns erzählen, nicht wahr?« Silent schüttelt den Musling ein bisschen durch. »Im Gegenzug helfen wir dir, wenn ich auch noch nicht weiß, wobei.«

 

Kapitel 14

 

»Auf keinen Fall helfen wir ihm bei seiner Flucht!«, erwidert French kategorisch. »Er ist der Musling der Autorin, er gehört zu ihr. Ohne ihn wird sie keine neuen Bücher schreiben.«
»Sie hat dir sogar ein gemütliches Plätzchen in ihrem Bücherregal eingerichtet, du undankbarer Zwerg«, sagt Silent.
»Wir sind noch nicht fertig mit unseren Abenteuern.« Damien umrundet den Tisch. »Aber wenn er der Autorin ins Handwerk pfuscht, enden wir als rauchendes Aschehäufchen in der Morgensonne.«
»Du nicht, Adelssöhnchen«, sagt Armand unbehaglich. »Ich vielleicht schon. Ich habe eine tödliche UV-Allergie.« Er macht eine Pause. »Würde sie das wirklich tun?«
»Sie nicht. Er schon.« Damien nickt mit dem Kinn zum Musling. »Du hast es ja gehört: Er schreibt heimlich die Geschichten um.«
»Ich mag nun mal keine Vampire. Die beißen«, murmelt der Musling.
Armand bleckt bestätigend seine Zähne.
»Sag schon! Was hattest mit uns in unserer Fortsetzung vor?«, fragt Damien lauernd. »Wolltest du uns aus dem Weg räumen?«
»Nein! Das würde ich niemals … Ich hätte euch vielleicht ein bisschen … aus der Reserve gelockt, damit ihr die Autorin davon überzeugt, mal andere Ideen zu verfolgen. Ich würde so gern etwas … Schönes kreieren. Mit netten Jungs, die einen Blumenstrauß und Pralinen mitbringen, wenn ich sie in die reale Welt rüberhole. Mit Liebe und so.«
»Es endet immer mit Liebe«, sagt Jules verwirrt. »Sogar bei mir, was nun wirklich niemand erwartet hat. Ich verstehe dein Problem nicht.«
»Du musst dich auch nicht mit all euren finsteren Absichten und eurem fragwürdigen Moralverständnis herumplagen. Die drei Neuen aus Sothom …« Er atmet durch. »Die rauben mir noch den Verstand. Ich habe versucht, ihre Geschichte ein wenig aufzuhübschen, aber sie sind dahinter gekommen und sie haben gedroht, mir … mir … Sie haben mir etwas sehr Schlimmes angedroht.« Seine Stimme wird weinerlich. »Ich bin doch nur ein Musling. Ihr müsst mir helfen, Leute!«
Sie schauen sich an.
»Wir sollen die Autorin dazu bringen, nette Geschichten zu schreiben?«, vergewissert sich Silent mit gefurchter Stirn. »Darum bis du mit ihren Ideen abgehauen?«
»Nett ist der kleine Bruder von Scheiße«, brummt Rosco. »Wenn Jules versucht, nett zu sein, endet es zwangsläufig damit, dass ein Raum mit Chlorbleiche ausgeschrubbt werden muss und jemand uns blutige Rache schwört.«
»Na na«, sagt Jules milde.
»Also, ich war immer sehr nett«, merkt Dammit an.
»Du hast einen Stier geklaut und unter Drogen gesetzt«, sagt French überfreundlich. »Und du hast mal jemanden umgebracht …«
»Der Typ war ein Killer!«
»Du bist ein Motorraddieb.«
»Ex-Motorraddieb, bitte sehr. Jetzt bin ich ein seriöser, anständiger Mitbrüger, der brav seine Steuern … Na gut.« Er grinst und nickt zu Amon und seinen beiden Freunden hinüber. »Aber die da sind wortwörtlich verfluchte, seelenlose Dämonen. Die könnten nicht mal dann nett sein, wenn man sie in fucking Disneyland gemeinsam mit Bambi und Klopfer aussetzt.«
»Wir haben nun mal dämonische Gelüste«, erwidert Amon gleichmütig. »Macht mehr Spaß als ein Ausflug nach Disneyland.«
»Ich kann ehrlich nichts dafür, dass man mich zum Vampir gemacht hat«, meldet sich Damien zu Wort. »Die Gestalten, mit denen ich neuerdings zu tun habe, wissen nicht einmal, wie man Nett buchstabiert.«
»Versteht ihr jetzt das Problem?«, ereifert sich der Musling.
Wieder werden Blicke gewechselt.
»Nicht wirklich«, sagt Saint. »Aber wieso besprichst du das nicht mit der Autorin?«
»Sie hört mir nie zu! Sie sagt immer nur: Schau dir diese wahnsinnig düstere Idee an, die mir gerade eingefallen ist. Hol mir die zugehörigen Charaktere her, aber pronto! Bitte, ihr müsst mit ihr reden!«
Jules lacht. »Das habe ich längst getan. Es war ein … überaus nettes Gespräch.«
»Du bist raus«, grummelt der Musling. »Was ist mit euch anderen? Habt ihr es nicht satt, immer in Gemetzel zu geraten oder die falschen Entscheidungen zu treffen, die geradewegs in die Katastrophe führen?«
»Nun, wenn ich recht darüber nachdenke … Nein. Alles andere wäre doch langweilig«, sagt Ghost. »Will noch jemand Punsch?«
»Ich hätte manchmal schon gern ein etwas friedlicheres Dasein«, murmelt Rosco.
»Wie bitte! Du willst deinen Posten als Gangsterboss hinwerfen und … Was machen? Eine Klempnerausbildung?«, fragt Jules fassungslos. »Kommt nicht infrage!«
»Ich dachte eher ein nettes Hobby«, erwidert Rosco defensiv. »Irgendwas Entspannendes zusammen mit meiner Freundin.«
»Sex«, sagt Dammit sofort mit anzüglichem Grinsen. »Überaus entspannend, glaub mir.«
»Seht ihr?«, ereifert sich der Musling. »Was ist aus dem guten, alten Puzzeln geworden? Handarbeiten?«
»Handarbeiten kann ich gut«, sagt Rosco. »Bin sehr geschickt darin.«
»Ich rede nicht von deinen Messern, junger Mann. Wenn es nach mir ginge, würdest du begeistert Pullover stricken, aber da würde die Autorin nicht mitspielen.«
»Äh, ich auch nicht«, sagt Rosco sofort. »Warum fragen wir sie nicht einfach?«
»Ja, genau. Warum beschäftigen wir uns mit dem Personal, wenn wir genauso gut die Chefin fragen könnten?«, wirft Damien ein. »Bei der Gelegenheit erfahre ich vielleicht auch, ob sie wirklich vorhat, uns mit Tageslicht und Pflöcken zu Leibe zu rücken.«
»Und wie unsere nächste Statistenrolle aussieht«, merkt Jules grimmig an. »Obwohl ich schon eine Ahnung habe.«
»Was aus uns werden soll, jetzt, wo wir unbeaufsichtigt in der Weltgeschichte herumfahren«, sagt French nicht minder finster.
»Und ob ich nur gut genug für eine unterhaltsame kleine Weihnachtsstory war«, knurrt Alaska. »Sie hat anscheinend vergessen, wen sie da ins Leben gerufen hat.«
»Bitte, Leute, bevor ihr mit ihr redet, lasst mich gehen«, fleht der Musling. »Sie wird stinksauer sein, dass ich sie mit den Reapern allein habe sitzen lassen.«
»Mit wem?«
»Den drei Neuen aus Sothom«, hilft Jules aus. »Wir werden sie bald persönlich kennenlernen, nehme ich an. Vielleicht bringt die Autorin sie ja mit.«
»Ich frage sie.« Silent hat sein Handy gezückt und tippt eine SMS. »So, die Einladung ist raus.«
»Und wenn sie nicht kommt?«, fragt Dog misstrauisch.
»Sie wird. Schließlich will sie ihren Musling zurückhaben.«
»Kling nach Erpressung«, sagt Ghost und hickst. »Und wie vertreiben wir uns die Wartezeit? Ach, natürlich, wir sind ja in einer Punsch-Hütte.« Er grinst breit und ziemlich angeschickert.

 

Kapitel 15

 

Es ist später Abend. Ich sitze am Schreibtisch und starre hilflos auf den Bildschirm. Dort steht immer noch:
Kapitel 17
Mehr nicht. Den lieben langen Tag versuche ich schon, einen intelligenten Satz zu schreiben, doch mein Hirn ist leer.
Die Nische im Bücherregal, in der der Musling zwischen den Hardcover-Ausgaben wohnt, übrigens auch. Er ist nicht zurückgekehrt.
Er hat meine Ideen mitgenommen.
Es waren sehr raffinierte und einfallsreiche Ideen. Vor allem waren es unglaublich viele Ideen, ausreichend für ein ganzes Autorenleben.
Ich weiß auch nicht, woher diese Ideen stammen. Sie kommen mir zu den unpassendsten Momenten in den Sinn. Damit ich sie nicht vergesse, schreibe ich sie auf und stopfe sie in die Schublade. Hin und wieder ziehe ich eine heraus und lese sie dem Musling vor.
Und nun sind sie weg.
Der Musling ist der Schlüssel zu dieser geheimnisvollen Welt, in der meine Protagonisten leben und und … Sachen tun. Ich will lieber nicht alles wissen. Es könnte meinen ohnehin schon überstrapazierten Autorenverstand nachhaltig schädigen. Falls es dafür nicht längst zu spät ist.
Mein Musling kümmert sich um die Geschichte hinter der Idee. Er holt die Protagonisten in mein Arbeitszimmer, stellt sie mir vor und dann erzählen sie mir alles, was ich wissen muss, um ihre Geschichte aufzuschreiben. Dabei zieht er meist eine missmutige Grimasse. Er wünscht sich oft, in einer anderen Autorenstube gelandet zu sein. Goldige Kinderbücher mit putzigen Bären vielleicht oder nette Fanatsyromane mit Elfen und singenden Zwergen. Nett ist sein Lieblingswort.
»Können wir nicht mal was Nettes schreiben?«, nörgelt er ständig.
Klar. Wenn er mir erklärt, wie das geht. Aber irgendwie geraten wir immer an die nicht ganz so netten Charaktere. Irgendwo in dieser anderen Welt muss es ein Nest von bösen Jungs geben, die nur darauf warten, dass eine arglose Autorin ruft: »Hey, Jungs, habt ihr Lust auf ein bisschen Finsternis und Blutvergießen?«
Zack, schon drängeln sie sich in meinem Arbeitszimmer und flüstern mir in farbenfrohen Worten ins Ohr, was sie letzte Nacht angestellt haben.
Manchmal ist es auch der Musling, der mir alles haarklein erzählt. Er hat ständig mit den Protagonisten zu tun und berichtet mir anschließend von Dingen, die mir nicht selten eine Gänsehaut über den Rücken jagen. Seine Wangen sind ständig gerötet.
Regelmäßig unterbricht er sich in seinem stockenden Bericht und fragt: »Willst du das wirklich so schreiben?«
Von Wollen kann nicht die Rede sein. Es ist ja nicht so, als würde ich diese ganzen Geschichten erfinden. Ich schreibe sie bloß auf.
Wenn wir zu den spicy Szenen kommen, kann der arme Kerl mir gar nicht mehr in die Augen schauen. Er ist ein kleines, prüdes Mimöschen. Aber seinen Job als Musling nimmt er ernst.
Dachte ich.
Denn der elende Feigling hat mich im Stich gelassen.
Kapitel 17 …
Ich drehe mich um, in der Hoffnung, einen der Reaper zu erblicken, damit sie mir erzählen, was als Nächstes geschieht. Doch es herrscht unheimliche Stille im Arbeitszimmer. Der Weihnachtsstern am Fenster leuchtet traurig vor sich hin. Er erinnert mich an Alaska. Ich versuche, mir das Gesicht des grinchigen Gangsterbosses ins Gedächtnis zu rufen, doch der Musling hat tatsächlich alles mitgenommen. Nicht nur meine Ideen, sondern auch sämtliche Erinnerungen an meine Protagonisten. Den Zugang zu all ihren Geschichten.
»Jungs?«, rufe ich. »Amos? Lex? Dorian! Jetzt zeigt euch, verdammt! Wir müssen hier langsam mal zu einem Ende kommen.«
Mein Handy summt, im Display leuchtet eine SMS von einer unbekannten Nummer. Ich öffne die Nachricht.
Wir haben deinen Musling.
Komm zur Punsch-Hütte auf dem Weihnachtsmarkt. Du hast eine Stunde.
Ich blinzele. Wer zum Henker weiß von meinem Musling? Was wollen die Entführer?
Geld natürlich.
»Dann sind es selten dämliche Entführer«, brumme ich und klappe den Laptop zu. Bekanntermaßen leben Autoren von Fünf-Minuten-Nudelsuppen und Hoffnungen.
Ich spiele mit dem Gedanken, zur Polizei zu gehen, aber was soll ich ihnen sagen? »Entschuldigung, aber mein hilfreicher Hausgeist wurde entführt. Er trägt mit Vorliebe knallbunte Hemden und wohnt in einer Lücke zwischen meinen Büchern.«
Nicht einmal mein Mann kann den Musling sehen. Ich habe ihm zwar hoch und heilig versichert, dass existiert und mein Mann hat auch brav genickt, aber dabei hat er mich so seltsam angeschaut. Wahrscheinlich hat er ernsthaft darüber nachgedacht, die freundlichen Herren in den weißen Kitteln zu rufen.
Nein, diese Angelegenheit muss ich allein regeln. Wer auch immer die Entführer sein mögen – sie haben Zugang zu verbotenem Wissen. Meinem verbotenen Wissen. Wer weiß, was sie in den letzten Stunden alles aus dem armen Kobold herausgequetscht haben, während ich auf einen fast leeren Bildschirm gestarrt habe.
Ich pule die wenigen Münzen aus meinem Autoren-Sparschwein, das als meine Altersvorsorge dient, streife mir Jacke und Winterstiefel über und schlüpfe aus dem Haus. Draußen ist es dunkel und still, die kahlen Baumwipfel rauschen im kalten Winterwind (auch ohne Musling klappt es noch mit den Beschreibungen). Der Schnee reicht mir bis zu den Waden, das Auto ist unter einer weißen Haube verborgen.
Nach zwanzig Minuten sind die Scheiben frei und der Motor bequemt sich, anzuspringen.
Weitere fünfzig Minuten später erreiche ich den Weihnachtsmarkt. Ich bin zu spät und befürchte das Schlimmste. Vielleicht haben sie ihn gefoltert.
Oder schlimmer noch: ihn betrunken gemacht.
Der Musling verträgt keinen Alkohol. Sobald er nur leicht angeheitert ist, zieht er schief singend mit meinen Ideen von dannen und kehrt Stunden später mit kichernden Protagonisten zurück, die etwas selten Dämliches ausgeheckt haben. Ich sage nur: Stier.
Kaum bin ich auf dem angrenzenden Parkplatz ausgestiegen, versperren mir schlecht gelaunte drei Gestalten den Weg.
»Wieso bist du nicht zuhause und schreibst unsere Geschichte?«, fragt Amos Tanhauser.
»Und was treibt ihr hier?«, erwidere ich. »Ich hätte euch vorhin im Arbeitszimmer gebrauchen können, als ich auf Kapitel 17 gestarrt habe, ohne zu wissen, wie es mit euch weitergeht.«
»Der Musling hat gesagt, dass du fertig bist mit uns«, sagt Dorian missmutig. »Er meinte, ab sofort würde es nur noch netten Kram geben.« Er spuckt aus.
»Schon okay, ich kümmere mich um die Angelegenheit.« Ich will sie umrunden, doch sie lassen mich nicht vorbei.
»Es gibt also eine Angelegenheit?«, fragt Amos. »Sie ist so gravierend, dass du Hals über Kopf hierher gerast …«
»Getuckert«, korrigiere ich. »Wegen des Schnees konnte ich nur Schritttempo …«
»Was ist mit unserer Geschichte? Du solltest weiterschreiben, statt dich mit gebrannten Mandeln und Glühwein abzufüllen.«
»Es ist alles in bester …«
»Ist es nicht«, grollt Dorian.
Die drei rücken mir so dicht auf die Pelle, dass mir mulmig wird. Ich weiß nur zu gut, wozu sie fähig sind.
Amos packt mich am Kragen und schüttelt mich durch. »Was ist hier los, Autorin? Raus mit der Sprache!«
»Bitte vergesst nicht, dass Weihnachten ist«, sage ich hastig. »Das Fest der Liebe und der Barmherzigkeit. Wenn ihr mich umbringt, wird es keine Geschichte geben.«
»Da hat sie einen Punkt«, sagt Lex und lächelt so herablassend, dass ich ernsthaft überlege, ihm eine Zahnlücke und eine fette Warze anzudichten. Augenblicklich verblasst sein Lächeln. »Wag es ja nicht«, grollt er. Lex ist ungemein eitel.
»Was ist nun mit unserer Geschichte?«, fragt Dorian ungeduldig. »Sollen wir weitermachen oder nicht? Aber ohne deinen kleinen Freund können wir nicht lange bleiben. Wir dürften ohne seine Einladung nicht einmal hier sein, solange wir nicht am Ende angekommen sind.«
»Möglicherweise könnte ich eure Hilfe gebrauchen, Jungs.« Behutsam löse ich Amos’ Finger von meinem Jackenkragen. »Ja, es stimmt, der Musling hat versucht abzuhauen und ist offenbar den falschen Leuten in die Hände gefallen. Sie haben ihn verschleppt. Ich soll mich hier mit den Entführern treffen.«
»Der kleine Mistkerl wollte verduften?« Dorian schnappt nach Luft. Normalerweise bringt ihn nichts so schnell aus der Ruhe, doch jetzt sieht er erschüttert aus. »Scheiße, verdammt«, murmelt er. »Ohne den Burschen können wir nicht weitermachen. Und wir haben gerade erst angefangen.«
»Ganz meiner Meinung.« Ich nicke bestätigend. »Wer auch immer dahintersteckt, muss ungeheuer skrupellos sein. Ich rechne mit dem Schlimmsten.«
Lex reibt sich freudig die Hände. »Na dann: Holen wir uns den Zwerg zurück und verpassen seinen Entführern eine Lektion.«

 

Kapitel 16

 

Ich frage an mehreren Verkaufsständen nach einer Punsch-Hütte, aber niemand kann mir Auskunft geben. Also mache ich mich auf den Weg zur Kirche, in deren Nähe sich der Treffpunkt befinden soll. Der hiesige Weihnachtsmarkt ist groß und weitläufig, aber sogar ich kann eine Kirche nicht übersehen.
Tatsächlich entdecke ich bald darauf eine Hütte namens Mein zauberhafter Punsch-Absturz. Obwohl sie zwischen den anderen Ständen eingequetscht liegt und trotz der Lichterkette wirkt sie einsam und verlassen. Die Marktbesucher rauschen an ihr vorbei, ohne ihr Beachtung zu schenken. Je näher ich ihr komme, desto mehr spüre ich eine ansteigende Bedrohung, als wäre diese Hütte das Tor zur Hölle. Die Weihnachtliche Dekoration aus Tannenzweigen und bunten Kugeln steigert meine Beklemmung sogar noch.
Der Ausschank der Hütte befindet sich im Innern. Mehrere Gestalten bewegen sich darin, ohne dass ich Details erkennen kann. Mein Schritt stockt ganz von allein.
»Was ist, Autorin? Hast du Schiss?«, spöttelt Amos Tanhauser.
»Ich … Ich glaube, in dieser Hütte sind einige Personen, die möglicherweise gar nicht gut auf mich zu sprechen sind«, murmele ich. »Darum haben sie den Musling verschleppt.«
»Was für Personen? Deine Leser? Hast du einen Roman ohne Happy End veröffentlicht oder einen deiner Helden sterben lassen?«
Sofort muss ich an Lennart denken. Doch ich ahne, dass in der Hütte keine wütenden Leser auf mich warten, bewaffnet mit Fackeln und Mistgabeln.
»Schlimmer«, flüstere ich. »Es sind möglicherweise Protagonisten darunter, die ich abserviert habe.«
Dorian lacht los. »In deiner Haut möchte ich nicht stecken, Autorin.«
»Abserviert?« Amos lacht nicht. »Soll das heißen, dass du deine Leute einfach fallen lässt, nachdem du sie auf die Welt losgelassen hast?«
»Wenn … Wenn es nichts mehr zu erzählen gibt …«, setze ich stotternd an.
»Es gibt immer was zu erzählen«, knurrt Amos gefährlich leise. »Wag es ja nicht, so eine Scheiße mit uns durchzuziehen, wenn du unsere Trilogie fertig geschrieben hast. Es wird weitergehen mit uns. Immer!« Er packt mich am Arm und schleift mich auf die Hütte zu.
Aus dem Innern wabern aromatische alkoholgeschwängerte Dämpfe. Ich höre laute, fröhliche Stimmen, jemand singt ziemlich schief. Offenbar haben sie gute Laune. Es scheint ihnen Spaß zu machen, unschuldige Musen zu entführen und zu foltern.
Der Gedanke an den hilflosen Kerl schürt meine Verärgerung. Er ist äußerst sensibel, ich darf ihn auf keinen Fall seinem Schicksal überlassen. Wo kämen wir hin, wenn einem die Protagonisten auf der Nase herumtanzen?
Die Hütte ist voll. Ich schaue mich um und sehe … alle.
Nun, fast alle.
Trotzdem sind mehr Charaktere anwesend, als ich auf einen Schlag verkraften kann. Einzeln sind manche von ihnen schon eine ordentliche Plage, aber als geballte Masse erwecken sie in mir das dringende Bedürfnis, schreiend wegzurennen.
Leider schleift Amos mich mitten hinein in das Getümmel. Die Anwesenden bemerken uns nicht. Ihre Gesichter sind fröhlich gerötet vom Punsch, sie reden durcheinander, lachen sich über Insider-Witze kaputt, die nur Protagonisten verstehen, und leeren Keramikbecher, als würde morgen der globale Punsch-Notstand ausgerufen. Die vielen breitschultrigen Leiber versperren mir die Sicht; ich kann den Musling nicht ausmachen. Dafür erkenne ich die Embleme der Bullheads und der Höllenreiter, außerdem einen verräterischen flatternden Mantel, einen maßgeschneiderten Anzug und jene Sorte praktischer dunkler Kleidung, auf der man Blutflecken nicht sofort sieht.
»Hey!«, brüllt Amos, und als niemand reagiert: »HEY!«
Stille.
Alle drehen sich zu uns um. Ich suche den Boden nach einer Erdspalte ab, in der ich verschwinden kann. Hinter mir stehen Dorian und Lex und verhindern meine Flucht.
»Da ist sie ja, die Autorin«, sagt Silent süffisant. Er wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. »Mit Verspätung.«
»Kreative sind niemals pünktlich«, sagt Leon Priest fachmännisch. »Fragt mich. Ich komme immer mindestens eine Stunde zu spät.«
Unter meine Panik mischt sich Wut angesichts ihrer angeheiterten Mienen. »Was fällt euch ein, meinen Musling zu verschleppen?«, fauche ich.
»Also, technisch gesehen ist er vor dir geflüchtet«, sagt Frenchman. »Er kann von Glück sagen, dass Silent ihn nicht überfahren hat. Im Abhauen hat er eindeutig keine Erfahrung.«
»Wo ist er?«
Sie treten beiseite und da sitzt er. Auf einem Stehtisch mit baumelnden Beinen und eindeutig sturzbetrunken. Er blinzelt mich an, ruft: »Die kennich!«, und kippt sich den Inhalt seines Bechers hinter die Binde. Die Hälfte landet neben seinem Mund.
»Er darf kein Alkohol! Das endet bei ihm immer im Chaos!«
Ich erinnere mich noch zu gut an jene Nacht, als er heimlich von den eingelegten Pflaumen genascht und ins Land der Protagonisten hinübergetorkelt war. Stunden später kehrte er zurück mit einigen  … nennen wir sie mangels besserer Bezeichnung einfach Personen … Jedenfalls passten sie nicht einmal ansatzweise in mein übliches Autoren-Beuteschema. Um ehrlich zu sein, habe ich mich unter meinen Schreibtisch verkrochen und so getan, als wäre ich gar nicht da.
Hat nicht funktioniert. Darum habe ich jetzt ein Pseudonym.
»Aberessis Weihnachtn«, nuschelt er. »Die Jungs hammich eingeladn … Hups.« Fast wäre er vom Tisch gekippt, wenn Alaska ihn nicht festgehalten hätte.
»Was wollt ihr? Geld?« presse ich zwischen den Zähnen hervor und krame meine Altersvorsorge aus der Tasche, die sich auf satte 36,17€ beläuft. »Hier habt ihr Geld.«
»Das reicht ja nicht mal für eine Runde Punsch«, stellt Dammit abfällig fest.
»Wir wollen kein Geld, sondern Informationen.« Ghost schwankt hinter die Theke und füllt mehrere Becher mit klebrig-süßem, heißem Alkohol, die an uns Neuankömmlinge weitergereicht werden.
Amos schnuppert dann, dann zuckt er die Schultern. »Wenn wir schon mal hier sind …«
Er trinkt, ohne die anderen Männer aus den Augen zu lassen, die ihn und seine beiden Freunde ebenso misstrauisch beäugen.
Ich nippe an meinem Heißgetränk und stelle fest, dass es außerordentlich interessant schmeckt. Es handelt sich eindeutig nicht um ordinären Punsch, sondern um … keine Ahnung.
Egal, runter damit.
»Ihr seid also die Neuen aus Sothom«, sagt Jules jovial. »Über euch hört man ja die wildesten Dingen.«
Natürlich ist er hier. Und wo er ist, da ist Rosco nicht weit. Letzterer winkt mir grinsend zu.
»Was du offiziell über uns gehört hast, ist noch harmlos im Vergleich zu den wirklich wilden Dingen … über die wir hier kein Wort verlieren möchten«, sagt Dorian emotionslos.
»Der Junge gefällt mir.« Jules stößt seinen Becher gegen Dorians, der ihn lediglich herablassend anstarrt.
Jules seufzt. »So jung und schon so kaputt.«
»Wer hat das alles ausgeheckt?«, will ich wissen.
Silent hebt die Hand. Er sieht nicht im Mindesten schuldbewusst aus. »Ich war der Meinung, dass es uns alle etwas angeht, wenn dein Musling den Job hinschmeißen will.«
»Er hat tatsächlich gekündigt?«, schnaubt Lex. »Habt ihr mich klar gemacht, dass sein Vertrag bis in alle Ewigkeit läuft? Wir haben erst ein Drittel unserer Story erzählt! Und wir haben uns noch nicht einmal richtig warm gelaufen!«
»Wird noch schlimma mit denen«, lallt der Musling und erschauert theatralisch. »Ich sachs euch!«
»Schlimmer als mit uns?«, fragt Jules Batiste interessiert.
»Schlimma«, bestätigt der Musling düster.
Ich schaue mich um und stoße hervor: »Die Vampire sind auch hier? Und die Dämonen! Seid ihr von allen guten Geistern verlassen? Das hier ist ein Weihnachtsmarkt!«
»Dieser Treffpunkt war definitiv nicht meine Idee«, bemerkt Alaska, der dennoch überraschend entspannt aussieht.
»Ihr solltet daheim mit euren Frauen und Freunden sitzen und … und … und …« Weiter komme ich nicht.
»Und was tun?«, fragt Dog überfreundlich. »Uns an den Füßen spielen vor Langweile, weil du beschlossen hast, dass wir nichts Unterhaltsames mehr zu erzählen haben?«
»Auch andere Protagonisten haben ein Recht auf ihre Geschichte!«, schnauze ich. »Was kann ich dafür, dass es von euch allen so verdammt viele gibt?«
»Drama Queen«, brummt Dammit.
»Das sind also deine abservierten Charaktere«, sagt Dorian. »Nette Bande. Gar nicht so rachsüchtig, wie ich befürchtet habe.«
»Weil sie besoffen sind«, erwidere ich grimmig. »Mit einigen von ihnen habe ich außerdem noch was vor. Aber dazu brauche ich meinen Musling.«
Ich mache einen Schritt auf den Kobold zu, doch sofort schieben sich Leiber in meinen Weg.
»Nicht so eilig, Autorin.« Rosco verschränkt seine überaus ansehnlichen Arme. »Zuerst sagst du uns, was du und dein kleiner Kumpel für die Zukunft geplant habt.«
»Was Nettes«, lallt der Musling und kichert.
»Warum sollte ich?«, frage ich irritiert.
»Weil es uns brennend interessiert, ob wir uns auf was gefasst machen müssen. Ich möchte vorbereitet sein.«
Offenbar nicht nur er. Alle rücken so nahe an mich heran, dass mir sehr unwohl wird. Sie sehen sehr entschlossen aus – und ordentlich beschwipst.
»Es wird Fortsetzungen geben«, sage ich widerstrebend. »Zufrieden?«
»Etwas mehr Details wären hilfreich, Autorin.«
»Als Erstes kommen natürlich wir an die Reihe«, sagt Lex. »Wir stecken ja gerade mittendrin.«
»Ich kann so nich arbeitn«, nuschelt der Musling. »Nich mit denen da. Die sind böööse.«
»Was für eine kleine Mimose«, sagt Amos kopfschüttelnd.
»Hab euch trotzdem lieb.« Er grinst betrunken. »Ich kenn nämlich eure Geheimnisse … Fiese Sache, das. Arme Jungs.«
»Halt einfach deinen Mund, okay?«, sagt Lex freundlich und gibt dem Musling seinen eigenen Becher. »Hier, trink lieber noch was.«
»Hör auf, ihn mit Punsch abzufüllen!«, meckere ich. »Es dauert Ewigkeiten, bis er wieder nüchtern ist. Ihr wollt nicht wissen, welche Gestalten in meinem Manuskript auftauchen, wenn der Bursche einen im Kahn hat.«
»Vielleicht könnten wir ja in Sothom mitspielen«, setzt Damien an. »Nur ein bisschen.«
»Nein! Ihr bekommt eure eigene Story.« Ich schaue mich noch einmal um. »Wem gehört diese Hütte überhaupt?«
»Wenn du es nicht weißt …«, sagt Damien. »Sie haben hier jedenfalls ein paar schmackhafte Kreationen. Sogar an unsereins wurde gedacht. Als hätte jemand gewusst, dass wir alle uns hier versammeln würden.«
Wie aufs Stichwort schauen wir alle zu dem Musling hinüber, der unseren Blick aus glasigen Augen erwidert.
»Der kleine Scheißer hat das alles von langer Hand geplant«, mutmaßt Ghost milde. »Er ist Silent nicht zufällig vors Auto gestolpert.«
»Binnich wohl. Kannich noch’n Punsch?«
»Du willst mit unserer Hilfe die Autorin dazu bringen, nur noch nette Sachen zu schreiben.«
»Willich nicht. Okay, ein bisschen vielleicht.« Er rülpst. »Auf mich hört sie jannich. Aber auf euch, Kumpels.«
»Wir sind nicht deine Kumpels.«
»Ich hab euch in ihr Arbeitszimmer gebracht!« Anklagend deutet er auf Ghost, auf Alaska, Rosco und Dan Jacoby. »Jeden einzelnen! Dassiss nich fair!«
»Aber ausgerechnet wir sind die Falschen für nette Geschichten. Wir können dir nicht helfen.« Damien macht eine hilflose Geste. »Ich meine: Sieh uns an! Wir sind Nackenbeißer! Und die drei Jungs aus Sothom sehen auch nicht aus, als würden sie in ihrer Freizeit alten Omas über die Straße helfen.«
»Er hat uns durchschaut«, sagt Lex belustigt.
Verglichen mit den anderen ist er auffällig elegant gekleidet. Lediglich Alaska trägt ebenfalls einen perfekt sitzenden Maßanzug und dazu einen weißen Kaschmirschal. Ich gebe zu, dass ich wenig gefühlsselig werde, als ich sie so betrachte. Aber der Musling hat leider recht: Nett ist keiner von ihnen, auch wenn einige sich große Mühe geben, es wenigstens zu versuchen. French und Ghost beispielsweise.
Andere … eher nicht so.
Und Ghost ist nun auch kein Ausbund an Tugendhaftigkeit.
»Meine Jungs sind, was sie sind«, sage ich entschuldigend zu meinem Musling. »Wir können nichts dagegen tun.«
»Du versuchst es ja nich eimma!«, lallt er anklagend. »Stattdessen haste immer neue Ideen, die noch mehr von denen da hervorlocken.« Er hüpft vom Tisch und torkelt zum Ausgang. »Such dir nen anderen Trottel, Autorin. Ich bin fettich mit dir.«

 

Kapitel 17

 

Er kommt nicht weit.
French erwischt ihn gerade noch rechtzeitig am Schlafittchen, bevor er nach draußen entwischen kann. »Hiergeblieben, Freundchen!«
Weihnachtsmarktbesucher schlendern vorbei, ohne dem Geschehen in der Hütte Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist ein bisschen unheimlich, als steckten wir in einer unsichtbaren Blase, in der sich ein Zugang zu einer anderen Welt verbirgt.
Sagte ich ein bisschen unheimlich?
Alles an dieser Sache ist unheimlich.
Normalerweise nehme ich nicht an Gruppentreffen mit meinen Protagonisten mitten in der Öffentlichkeit teil, schon gar nicht in einer mysteriösen Hütte mit seltsamem Getränkeangebot.
French zerrt den Musling zurück in die Mitte. »Wir sind noch lange nicht fertig mit dir …« Er wirft mir einen Blick zu. »Und dir.«
Ich stöhne. »Was denn noch? Gebt mir einfach nur meinen Musling zurück oder … oder ich schreibe einen wirklich unangenehmen Roman über euch.«
»Tust du nicht. Kannst du gar nicht.«
»Fordere mich nicht heraus, Rocker.«
»Und ob, Tintenkleckserin.«
»Hey, ich bin hier der Kleckser!«, geht Drace dazwischen.
»Nicht, wenn ich dir zehn linke Daumen und absolute Talentlosigkeit verpasse«, zische ich. »Dann kannst du höchstens noch unleserliche Tags auf Güterwaggons sprayen. Und du«, ich deute auf Frenchman, »du bekommst von mir Batik-Klamotten, eine Klangschalen-Therapie und Führerscheinentzug.«
»Na und? Ich fahre auch ohne Führerschein«, erwidert er nonchalant.
»Wir wollen doch nur wissen, wie deine Pläne aussehen und womit wir rechnen müssen«, sagt Jules genervt. »Wenn dein kleiner Kumpel vor dir flüchtet, scheinst du ja einige spannende Dinge geplant zu haben.«
»Ich möchte wirklich ungern eines Morgens aufwachen und feststellen, dass ich rosa lackierte Fingernägel und Titten habe«, sagt Dammit. »Und dass es Coy gar nicht gibt.«
»Oder dass du Coy bist«, sagt Dammit belustigt.
»Oder dass ich mich tatsächlich in eine Fledermaus verwandelt habe und nun in einem drittklassigen Zoo bis an mein Lebensende unter der Decke hängen muss«, lässt sich Damien vernehmen. »Und dass Agnetha und ihr neuer Freund vor meinem Gehege knutschen.«
»Dass ich mich überraschend für ein BWL-Studium eingeschrieben habe und Pullunder mit Rautenmuster trage«, sagt Rosco missmutig. »Evie hasst Pullunder.«
»Lieber Himmel, eines Tages stehe ich womöglich vor Mikrowelle und sehe den Ravioli aus der Dose beim Warmwerden zu.« Dan Jacoby erschauert, sein Kiefer verhärtet sich. »Und Juno brennt mit Tim Mälzer durch.«
»Warum sollte ich das tun?«, frage ich konfus.
»Weil du es kannst. Ich traue dir und deinem Musling alles zu.«
Und da dämmert es mir: Sie fürchten, dass ich ihnen ihre Partnerinnen wegschreiben könnte.
»Ihr habt ja keine sonderlich hohe Meinung von mir.«
»Du bist Autorin, was hast du erwartet? Du lässt in deinen Büchern random Leute sterben, nur weil sie dich im Supermarkt angerempelt haben.«
»Das stimmt nicht.«
»Eines deiner Opfer trug den Namen deines alten Mathelehrers aus der Schule«, erinnert mich Amon hinterhältig.
»Das war was anderes. Er hat mir eine Fünf gegeben.«
»Und was ist mit dem tätowierten BMW-Fahrer, der dir vorm Baumarkt den Parkplatz weggenommen hat?«, fragt Jules. »Ich musste ihn für dich umbringen und ins Hafenbecken werfen. Das war nicht sehr … nett.« Er hüstelt.
»Ha!«, ruft der Musling und fuchtelt mit dem Zeigefinger in meine Richtung. »Saggich doch!«
»Ihr habt euch also mit meinem Musling zusammengerottet, um mich dazu zu zwingen, nur noch nette Geschichten zu schreiben?«, frage ich verärgert.

 

Kapitel 18

 

Rosco kratzt sich das Genick. Alaska runzelt die Stirn und schaut Silent an, der die Schultern hebt.
Die drei Dämonen geben unmutige Geräusche von sich und Damien verdreht lediglich die Augen zur Decke.
»Sieht nicht so aus, als wären deine Bekannten an Nettigkeiten interessiert«, sagt Lex hilfreich.
»Das sind nicht meine Bekannten. Das sind nur …« Ich habe kein Ahnung, als was ich sie bezeichnen soll. »Meine Patienten?«, sage ich probehalber, denn nicht selten kommt man sich als Autorin vor, wie eine Therapeutin, die unfähig ist, ihre Patienten zu heilen. Aber sie kann gut zuhören.
Man darf schließlich nicht vergessen, dass sie mir in nächtelangen Sitzungen sozusagen ihr gesamtes Leben vor die Füße gekippt haben, inklusive aller Schandtaten und düsteren Gelüste. Sie haben mir verstörende Dinge offenbart, über die ich nur zu gern den Mantel des Schweigen decken wollte. Was ich natürlich nicht getan habe.
»Und ich dachte, wie wären so was wie Freunde«, brummt Dammit enttäuscht. »Nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben. Aber du hast uns fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, zugunsten von dem da.« Er zeigt auf Dan Jacoby. »Und denen da und denen.« Der Finger wandert weiter zu Jules und Rosco, dann zu den Vampiren. »Und jetzt hast du drei neue Freunde.« Er nickt zu Dorian, Amos und Lex.
»Ich habe euch nicht fallengelassen!«, gebe ich zurück. »Ihr seid schließlich immer noch hier und werdet es bis in alle Ewigkeit sein. So wie ich euch kenne, schleicht ihr euch irgendwann sowieso wieder nachts in mein Schlafzimmer und flüstert mir Geschichten zu, die ich gar nicht hören will.«
Die Rocker tauschen konspirative Blicke, die mir gar nicht gefallen. Das ist das Dilemma mit den Geistern, die ich rief: Sie werden nie wieder aus meinem Leben verschwinden.
»Und ihr?«, frage ich, an die Dämonen gewandt, an Alaska und Drace und Leon Priest, der so tut, als wäre er rein zufällig in diese Hütte gestolpert. »Wollt ihr in einem netten Roman wiedergeboren werden?«
Dan Jacoby prustet seinen Punsch durch den Raum und erntet Verwünschungen. »Noch netter als das, was auf dem Night Market geschehen ist? Zur Hölle, ja! Aber diesmal nicht mit mir, oder? Es gibt Gerüchte …«
»Kann ich bestätigen«, brummt Rosco und grinst durchtrieben. »Echt nette Gerüchte. Und wir alle lieben nett.«
»Oh, und wie wir das tun«, murmelt Jules verträumt.
»Nett ist mein zweiter Vorname«, sagt Amos Tanhauser.
»Eh, nein. Dein zweiter Vorname lautet Alexander«, erwidere ich.
»Dann ist es eben mein dritter Vorname.« Er betrachtet den Musling, der betrunken genug ist, um Amos glücklich anzulächeln. »Wir sind nur drei nette Jungs, die Frieden und Nächstenliebe verbreiten wollen.«
Dorian erstickt fast an einem Hustenanfall. »Unbedingt«, krächzt er.
»Und unser kleiner Freund hier wird uns dabei unterstützen«, säuselt Lexington. »Das wird er doch, nicht wahr?«
Silent packt den Musling am Genick und zieht ihn hoch, bis er mit zappelnden Beinen in der Luft hängt. »Wirst du?«, fragt er überfreundlich.
»Kannich noch nen Punsch?«
»Du kriegst so viel Punsch, wie du willst, wenn du versprichst, nie wieder mit den Ideen unserer Autorin abzuhauen. Du hast einen Job zu erledigen.«
»Aber … Aber  … Warum darf ich nicht mal mit anderen Protagonisten zusammenarbeiten?«, mäkelt er. »Nur ein einziges Mal? Meine Kollegen führen geistreiche Unterhaltungen mit bärtigen Magiern und sanft lächelnden Cupcake-Bäckerinnen, aber ich bekomme immer nur … euch.«
»Sind wir dir nicht geistreich genug?«, fragt Silent mit so falscher Freundlichkeit, dass meine Zähne schmerzen. »Oder hast du womöglich ein Problem mit unseren Frauen? Lächeln sie dir nicht sanft genug?«
Und plötzlich ist die Atmosphäre in der Hütte schwer und knisternd vor Bedrohung. Die Männer rücken dicht an den Musling heran, der nicht einmal mehr zu atmen wagt.
Ich halte mich raus, denn aus Erfahrung weiß ich, dass sie höchst empfindlich reagieren, wenn es um ihre Partnerinnen geht. Das ist kein Wunder, schließlich mussten sie alle einige harte Kämpfe ausfechten und diverse Dramen überstehen, um ihr Mädchen zu erobern. Manche von ihnen haben sich grundlegend geändert, andere eher weniger.
»Eure Frauen sind supertollgroßartigsexy«, sagt der Musling hastig und wesentlich nüchterner als noch eine Minute zuvor. »Vielleicht manchmal ein bisschen anstrengend, aber …«
»Anstrengend?«, knurrt Dan Jacoby.
»Definitiv anstrengend«, sagt Jules Batiste.
»Und ziemlich oft treffen sie dumme Entscheidungen …«, stammelt der Musling.
»Tun sie das?«, grollt French.
Dog stößt ihn an. »Ja, tun sie, Mann. Sorry, aber so ist es.«
»Und ihr Männergeschmack lässt häufig zu wünschen …«, murmelt der Musling. »Ich sollte jetzt lieber meinen Mund halten.«
»Unbedingt«, sagt Damien, der jetzt gar nicht mehr gut gelaunt aussieht. »Sonst werde ich dein Blut trinken müssen.«
»Da würdest du niemals tun, Damien.« Der Musling schaut ihn flehend an. »Du bist kein blutrünstiges Monster, sondern …«
»Nett?«, fragt er knurrend.
Zaghaft nickt der Musling. »Irgendwie schon«, piepst er. »Etwas … ähm, unkonventionell, aber du hast einen guten Kern. Ich muss es schließlich wissen. Ich habe dich ja hierher gebracht.«
»Aber der gute Kern reicht dir nicht. Du magst es lieber komplett weichgespült.«
»So wie du das sagst, hört es sich langweilig an.«
»Weil es langweilig ist.« Silent schüttelt ihn sanft durch. »Das Letzte, was diese Welt gebrauchen kann, ist Langeweile. Vorhersehbarkeit. Sympathische Helden, die immer das Richtige tun und nichts mehr dazulernen müssen.«
»Das klingt ganz nach mir«, feixt Dammit.
Amos Tanhauser tritt an den Musling heran. »Willst du die Leser langweilen?«
»Äh, wenn ich die Wahl habe zwischen dir und Langeweile, dann wähle ich …« Der Musling schluckt. »Vielleicht doch lieber dich. Alles andere wäre die falsche Antwort, nicht wahr?«
»Kluger Bursche.« Silent tätschelt seine Wange und setzt ihn wieder auf dem Tisch ab. »So langsam verstehst du, wie es läuft.«
»Und du kannst nichts dagegen tun«, fügt Ghost mit leisem Bedauern hinzu. »Es ist, wie es ist.«
»Wenn ich auch mal was sagen dürfte …«, setze ich an.
»Darfst du nicht«, werde ich sofort von mehreren Stimmen unterbrochen.
Na gut, dann trinke ich eben Punsch. Ich bin ja nur die Autorin. Ich darf zwar jede Menge Ideen haben, aber was am Ende daraus wird, liegt nicht in meiner Hand.
In der Hand des Muslings offenbar auch nicht. Er und ich sind nur Werkzeuge ohne Mitspracherecht. Ich frage mich, wie es da drüben in der Protagonistenwelt zugeht, wenn der Musling mit meiner Idee dort auftaucht. Ziehen sie Strohhalme oder hauen sie sich gegenseitig auf die Fresse, um mir als Erster ihre Geschichte erzählen zu können? Gibt es eine Art Schwarzes Brett, an dem die Ideen angepinnt werden, oder ist jede Idee für einen ganz bestimmten Charakter vorgesehen und sie warten nur darauf, dass endlich ihre Idee in irgendeinem Autoren-Gehirn aufploppt?
Im Grunde spielt es keine Rolle. Weder ich noch der Musling haben einen Einfluss darauf, was für Helden in unsere Welt stolpern und welche Storys sie mitbringen.
Der arme kleine Kerl schrumpft immer mehr zusammen, während die Protagonisten ihm nachdrücklich erklären, wie der Hase läuft.
»Jetzt hört endlich auf, ihn einzuschüchtern!«, mische ich mich noch einmal ein, diesmal laut genug, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. »Er will doch nur, dass es ein wenig … netter zugeht. Damit meint er vermutlich nicht einmal die Geschichten, sondern euch. Er will euch ja mögen, aber ihr macht es ihm wirklich nicht leicht.«
»Na«, macht French tadelnd. »So schlimm sind wir nun auch wieder nicht.«
»Aber eure Geschichten sind gruselig«, murmelt der Musling.
»Warum sagt der Kobold das nicht gleich?« Jules drückt ihm seinen eigenen Becher mit Punsch in die kleinen Hände. »Er muss doch nicht jedes Mal zwingend dabei sein, wenn einer von uns der Autorin seine Geschichten erzählt. Vielleicht macht er solange einen Spaziergang mit einem von uns anderen.«
»Eine Spazierfahrt«, ergänzt Dammit nachdenklich. »Um Josef zu besuchen.«
»Oder den Night Market«, sagt Dan Jacoby. »Für ein gutes Thai-Curry.«
»Oder wir überlassen ihn hin und wieder den Mädels«, sagt Alaska. »Die können so was eh viel besser als wir. Wahrscheinlich finden sie ihn so putzig, dass sie ihn gar nicht mehr gehen lassen wollen.«
»Sie werden ihm bunte Strickpullover anziehen und ihm die Fingernägel lackieren«, warnt Rosco.
»Er wird Coys Kokos-Makronen lieben«, sagt Dammit. »Sie zergehen auf der Zunge.«
Die Miene des Muslings hellt sich auf. »Kokos-Makronen?«, fragt er interessiert.

 

Kapitel 19

 

Nach weiteren Punsch-Runden haben sie den Musling ausreichend bequatscht, dass er von weiteren Fluchtplänen absehen wird. Der Punsch und die Aussicht auf endlose Mengen an Süßgebäck haben nicht geringen Anteil daran. Er scheint auch nicht abgeneigt zu sein, sich die Fingernägel lackieren zu lassen.
Ich sollte ein schlechtes Gewissen haben, dass ich mir nie Gedanken um sein … um ihr Seelenleben gemacht habe. Habe ich aber nicht. Um meine unbefleckte Seele macht sich schließlich auch niemand Gedanken.
»Also ist es abgemacht«, hält Ghost fest. »Wir bekommen ihn in der ersten Woche und ihr in der zweiten.« Er nickt zu den Wölfen. »Danach sind die Dämonen dran, dann der durchgeknallte Künstler, die Vampire …« er zählt der Reihe nach alle Beteiligten auf.
Ihr Plan ist simpel und unterhaltsam: Sobald der Musling meine aktuellen Helden zu mir geschickt hat, wird er von den anderen reihum bespaßt werden.
Die Rocker werden ihn mit in ihr Clubhaus nehmen, in Dammits Werkstatt oder ins Wagenbruchviertel, wo er … Keine Ahnung, irgend etwas Nettes erleben wird. Vielleicht lernt er von Weeds, wie man Tofu in einen Auflauf verwandelt, den niemand essen wird. Vielleicht lernt er auch, den Luftfilter am Motorrad zu reinigen, dann kann er sich bei mir nützlich machen. Außerdem hat er sich schon als Babysitter für das Kind von China und Ghost angeboten. Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Das Kind wird mit einem sehr seltsamen Weltbild aufwachsen.
Wenn Damien bei mir ist, um mir seine Fortsetzung zu erzählen, werden seine Vampirfreunde den Musling zu einer nächtlichen Kutterfahrt mitnehmen. Angeblich wollen sie ihm das Angeln beibringen. Keiner von ihnen hat je eine Angel in der Hand gehalten. Fisch steht nicht auf ihrem Ernährungsplan. Werden Muslinge eigentlich seekrank?
Dan Jacoby hat versprochen, ihm in der Restaurantküche ein paar Kochrezepte beizubringen und ihn mit kleineren Arbeiten zu beschäftigen. Ich nenne das Ausbeuten einer unbezahlten Hilfskraft, aber was weiß ich schon? Der Musling ist jedenfalls Feuer und Flamme fürs Gemüseschnibbeln und Müllraustragen. Wenn ein paar warme Mahlzeiten für eine gewisse geplagte Autorin herausspringen, werde ich ihn nicht davon abhalten.
Mit den Dämonen gestaltet es sich schon etwas schwieriger. Vermutlich wird es auf eine Sauftour hinauslaufen, was bedeutet dass ich dem Musling Kopfschmerztabletten ins Bücherregal legen und aufpassen muss, dass er nicht wieder mit unheimlichen Kreaturen zurückkehrt.
Die Wölfe werden ihn in ihr Quartier mitnehmen, wo Everly und Trix ihn einem Lifting unterziehen werden und er versuchen wird, dem kleinen Lord ein paar Tricks beizubringen. Der Musling hat entschieden, dass er neuerdings Hunde mag, sogar wenn sie doppelt so groß sind wie er. Ich fürchte aber eher, dass Storm ihm die Ohren vollheulen wird wegen Pony, bis der Musling klein beigibt und ihm verspricht, für ein Happy End zu sorgen. Immerhin hat Jules hoch und heilig versprochen, ihn nicht zu der ehemaligen Irrenanstalt im Wald zu bringen.
Es läuft darauf hinaus, dass alle sich Mühe geben wollen. Ich denke, dass ist … tatsächlich nett. Sie finden den Musling äußerst unterhaltsam. Vielleicht mögen sie ihn sogar. Mit etwas Glück entstehen ein paar äußerst skurrile Freundschaften (Nicht, dass ich die Absicht hätte, darüber zu schreiben. Ich doch nicht).
Dem Musling tut es mal ganz gut, seine Vorurteile gegenüber meinen Protagonisten und ihren einschneidenden Erlebnissen zu überdenken. Sie sind schließlich auch nur Menschen. Irgendwie. Und abgesehen von mir die einzigen, die ihn sehen können. Mich findet er offenbar nicht interessant genug, um freiwillig mit mir Zeit verbringen zu wollen. Es ist nicht witzig, von einem Kobold mit Haaren auf den Zehen als uninteressant abgestempelt zu werden.
Sie werden sich schon irgendwie zusammenraufen und dafür sorgen, dass ich auch zukünftig Besuch von dubiosen Charakteren mit abgründigen Storys bekommen werde.
Die Wahrheit lautet natürlich, dass sie das alles nicht uneigennützig tun. Ohne ihn würde es sie gar nicht geben.
Und wer kann schon sagen, ob sie eines Tages nicht doch wieder in meiner Schreibklause auftauchen und es sich in den Sesseln gemütlich machen, um meine Ohren zum Glühen zu bringen?

 

Kapitel 20

 

Zwei Tage vor Weihnachten
Viel zu früh am Morgen

 

Ich erwache von einem penetranten Summen. Eine Marschkapelle probt in meinem Kopf den Aufstand. Die Trommler trommeln gegen meinen Schädel, die Posaunisten hauen sich gegenseitig die Instrumente um die Ohren und ich habe einen eklig süßen Geschmack im Mund.
Der Wecker zeigt 11:23 Uhr. Wie gesagt: viel zu früh am Morgen.
Auf dem Nachttisch steht eine Flasche Wasser, daneben liegen Kopfschmerztabletten. Mein Handy summt und summt vor sich hin. Im Display steht: Mann
(Fürs Protokoll: das ist mein Mann).
»Wasn?«, nuschele ich verschlafen. Natürlich ist er längst unterwegs, um sein unbescholtenes, ahnungsloses Tagwerk zu verrichten.
»Ich dachte, ich lasse dich ausschlafen«, sagt er.
»Warum tust du es dann nicht?«
»Weil ich dachte, der Gedanke würde ausreichen, um meine gute Absicht zu beweisen.«
Männer.
»Du bist letzte Nacht ziemlich spät zurückgekommen. Oder eher ziemlich früh«, sagt er vorwurfsvoll am anderen Ende der Leitung. »Hast irgendwas von netten Jungs genuschelt und von schlimmen Dingen. Und du hast gestunken, als wärst du in einen Kessel voller Punsch gefallen.«
»Habe ich?« Ich kann mich an rein gar nichts erinnern.
»Draußen an der Haustür hing übrigens ein Rucksack, vollgestopft mit Papierzeugs. Ich habe deine Handschrift erkannt, also habe ich ihn in dein Arbeitszimmer gelegt. Sah wichtig aus.«
»Was für ein Rucksack? Wer hat ihn hergebracht?«
»Keine Ahnung. Ich habe nur gehört, wie ein paar Motorräder weggefahren sind. Wer ist so verrückt, im Schnee mit dem Motorrad zu uns hinaus zu fahren?«
Ich schweige. Erinnerungsblitze zucken durch mein malträtiertes Gehirn.
Und drei neue Ideen.
Während mein Mann weiterredet, taste ich nach dem Notizblock und dem Stift, die immer griffbereit liegen, und notiere: Trouble und Lucius und Flucht.
Nachdem unser recht einseitiges Telefonat beendet ist, reiße ich den Zettel ab, begebe mich aus dem Bett und schlurfe hinunter in die Küche, um meinem betäubten Verstand mithilfe von Koffein auf die Sprünge zu helfen. Zwei Tassen später weiß ich immer noch nicht, was gestern Abend geschehen ist. Ich glaube mich zu erinnern, zum Weihnachtsmarkt gefahren zu sein, danach …
Nichts.
Nada.
Niente.
Ich nehme den Notizzettel und einen Zimtmuffin und schlurfe in die Schreibklause hinüber, um beides ins Regal zu legen.
»Es gibt Arbeit, Kumpel«, brumme ich. »Hab ein paar neue Ideen.«
»Ich hasse dich«, erklingt es heiser aus der Nische zwischen den Hardcovern. Ein süßlicher Alkoholdunst begleitet die Worte. »Sind es nette Ideen?«
»Schätze nicht.« Ich lasse mich in den Drehstuhl fallen und fahre den Computer hoch.
Kapitel 17
»Ich bin immer noch bei Kapitel siebzehn!«, rufe ich. »Beweg deinen Musen-Hintern hierher und sag mir, was da passiert.«
Leises Ächzen, Rumpeln, Poltern ist zu hören. Nach einer gefühlten Ewigkeit klettert der Musling auf den Schreibtisch, die Backen mit Muffin vollgestopft. Er sieht so fertig aus, wie ich mich fühle. Seine Drahthaare stehen ihm zu Berge, sein Hawaiihemd ist mit Flecken verziert und ein viel zu langer weißer Kaschmirschal ist um seinen Hals gewickelt.
Wenn ich mich recht erinnere, trug Alaska so einen Schal.
Der Musling verteilt Krümel über meine Tastatur, während er auf den Bildschirm blinzelt. »Ach je«, sagt er. »Ach je, ach je. Ich hole Amos Tanhauser und Lexington.«
»Freiwillig?«, frage ich verblüfft.
Er zuckt die Schultern. »Ich muss mir ja nicht anhören, was sie dir erzählen werden. Ich fahre einen süßen Stier besuchen, danach werde ich zu einem leckeren Zucchiniauflauf eingeladen. Wenn ich wiederkomme, kann ich ja mal kurz übers Manuskript schauen und die eine oder andere Stelle entschärfen.«
»Äh … Wenn du meinst.« Bei Stier und Zucchini klingelt etwas in meinem Hinterkopf, doch ich bin zu verkatert, um nachzufragen. »Hübscher Schal übrigens.«
»Nicht wahr? Hab ihn geschenkt bekommen.« Er zupft das Kleidungsstück zurecht. »Wenn man sie näher kennenlernt, sind sie eigentlich ganz okay, deine Protagonisten. Sie haben gesagt, ich kann mich jederzeit an sie wenden, wenn du gemein zu mir bist.«
»Wann war ich je gemein zu dir?«
»Lass mich kurz nachdenken.« Er tippt mit dem Finger gegen seine Unterlippe. »Letztens hast du eine sehr süffisante Bemerkung über meine Latzhose gemacht. Und du hast gesagt, dass eingelegte Pflaumen verboten sind. Du hast mir außerdem mal wieder die Schuld an der Sache mit dem Stier gegeben, obwohl das schon lange her ist. Und letztens erst hast du mir statt eines Gebäcks eine Karotte ins Regal gelegt. Angeblich wegen der Vitamine. Außerdem hast du mir verboten, deine Manuskripte umzuschreiben. Und du hast …«
»Das war eine rhetorische Frage.« Ich presse die Finger in meine pochenden Schläfen.
»Du brauchst Weihnachtsurlaub, Autorin. Das haben sie auch gesagt. Du sollst mal in Ruhe deine Ideen sortieren und mit ihnen ein paar Gespräche über deine geplanten Projekte führen.«
»Ich plane nicht. Habe ich nie getan.«
»Tust du wohl. Ich habe die neuen Ideen gesehen! Ich will gar nicht wissen, wen du uns damit ins Haus lockst.« Er stopft sich den Rest des Muffins in den Mund und klettert unbeholfen vom Schreibtisch. »Dann gehe ich mal los und schicke deine Jungs her. Frohes Schaffen!«

 

Kapitel 21

 

Am gleichen Abend auf dem Weihnachtsmarkt

 

»Ich schwöre, hier irgendwo war eine Punsch-Hütte«, beharre ich, als wir den Platz an der Kirche erreicht haben.
Doch dort, wo sich gestern noch Mein zauberhafter Punsch-Absturz befunden hat, steht nun ein ganz normaler Glühwein-Ausschank. Ganz normale Leute drängen sich davor und nippen an Tassen. Es gibt Glühwein mit und ohne Schuss und Lumumba und heißen Fruchtsaft für Kinder. Kein Punsch.
»Hier war immer schon ein Glühweinstand«, sagt mein Mann. »Ich mag keinen Glühwein. Lass uns Reibeplätzchen essen.«
Im Hinterkopf höre ich eine Stimme grummeln: Ist das hier so eine Art Vorhölle? Werde ich jetzt gezwungen, fettige Reibeplätzchen mit Apfelmus aus der Dose zu essen?
Ich kenne die Stimme. Sie gehört Dan Jacoby, der in Steenport ein Edelrestaurant betreibt, das Marijn. Er hat eine coole Freundin und eine schmutzige Vergangenheit.
Er war gestern Abend hier, zusammen mit anderen Protagonisten. Haben wir alle Punsch getrunken? Kann es sein, dass sie meine Muse hierher entführt haben?
Bullshit. Ich schüttele den Kopf. Meine Protagonisten verlassen niemals mein Arbeitszimmer. Sie sind genauso nicht-existent wie die mysteriöse Punsch-Hütte, die es nie gegeben hat. Als Autorin verliert man manchmal die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit aus den Augen. Berufskrankheit.
Energisch hake ich mich bei meinem Mann ein. »Reibeplätzchen klingt gut«, sage ich, fest entschlossen, mich zumindest über die Feiertage wie ein normaler Mensch zu benehmen.
»Mit extra viel Apfelmus und …« Jäh bleibt er stehen. »Was ist das denn?« Er bückt sich und hebt eine Flasche auf. »Das sieht komisch aus. Ob das Beerenpunsch ist?«
Die Flasche ist mit roter Flüssigkeit gefüllt und trägt ein altmodisch anmutendes Etikett mit der Aufschrift Speed Demon. Darunter steht in Handschrift gekritzelt: Meins! Finger weg! Armand.

 


 

Die Punschlist zur Geschichte findest du auf Spotify.

Cast

BULLHEAD MC
Frenchman
Dammit
Ghost
Dog
Saint

 

DARK DARK DARK
Damien
Armand

 

THE PACK
Jules Batiste
Rosco

 

DEMONIZED
Amon
Raym
Az

 

DIE FARBE DEINER LÜGEN
Drace

 

MERRY MAYHEM
Alaska

 

SILENT
Silent
Bastard

 

ODE AN DIE NACHT
Leon Priest

 

TALES FROM THE NIGHT MARKET
Dan Jacoby

 

REAPERS OF SOTHOM
Amos Tanhauser
Lex Baker-Hall
Dorian van Leeuven

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