MERRY MAYHEM – Glitzerbonus

MERRY MAYHEM – Glitzerbonus

1
Lucy

Alaska war kein Mann, der lange zauderte.
Nachdem er von meinen Lippen abgelassen hatte (und ich noch damit beschäftigt war, meinen glückstaumelnden Verstand wieder zusammenzusetzen), ging er stracks auf die Eingangsstufen meines Elternhauses zu, wo sie alle standen und uns anglotzten.
»Sie haben sicher kein Problem damit, dass ich Lucy mit mir nehme«, sagte er mit seinem kühlen Boss-Lächeln, das keinen Widerspruch duldete. Höflichkeit war nicht sein Ding, Händeschütteln offenbar auch nicht (aber, oh Mann, er konnte küssen!). Wahrscheinlich durften meine Eltern froh sein, dass er überhaupt eine Ansage machte, statt einfach zu tun, was auch immer er tun wollte. Ganz kurz war ich verwirrt und auch eingeschüchtert von dem Mann, der mir gerade noch auf eine Art in die Augen geschaut hatte, die mir weiche Knie beschert hatte: so wild, so verzweifelt, so entschlossen.
Meine Mutter sah meinen Vater an, meine schwangere Schwester ihren dämlichen Freund, der wiederum mich anglotzte, als wäre mir ein Horn aus der Stirn gewachsen.
Mein Vater räusperte sich. »Wollen Sie sich nicht erst einmal vorstellen, junger Mann?«
Bei junger Mann biss ich mir auf die Unterlippe. Alaska war etwa Mitte dreißig, aber von einem dermaßen einschüchternden, selbstbewussten Auftreten, dass einem alles Mögliche in den Sinn kam – von skrupelloser, aber smarter Bond-Bösewicht bis zu Hilfe, er hat mich angeschaut! –, aber bestimmt nicht junger Mann. Diese Bezeichnung passte eher zu Frank. Nein, ich korrigiere mich: Frank war offiziell ein dummer Arsch.
Siedendheiß schoss es mir durch den Kopf, dass ich weder Alaskas richtiges Alter kannte noch wusste, wie er mit bürgerlichem Namen hieß. Eigentlich wusste ich gar nichts von diesem Mann, mit dem ich den unglaublichsten Sex meines bisherigen Lebens erlebt hatte (ja, das lag hauptsächlich daran, dass mein gesamtes bisheriges Leben erschreckend wenige wilde, schwitzige Nächten mit heißen Männern vorzuweisen hatte. Danke für den Hinweis).
»Ich denke, Lucy hat mich bereits das eine oder andere Mal erwähnt.« Alaska blickte zu mir und lächelte. Abwartend, fragend. »Das hat sie doch, oder?«
»Nicht … nicht so wirklich«, murmelte ich. »Schließlich dachte ich, dass ich dich nie wiedersehen würde.«
Er fuhr sich durch sein Haar, das einen Hauch zu lang war, um als akkurate Frisur durchzugehen. »Na, egal. Pack deine Sachen. Wir fahren …«
Ein Wagen raste auf den Hof: ein schwarzer Rover von der Sorte, die Alaskas Männer fuhren. Schnee spritzte zu allen Seiten auf. Das Fahrzeug schlitterte quer über den Hof und kam knapp vor Alaskas Bugatti zu stehen. Sehr knapp.
Alaskas Miene wurde finster. Sie verfinsterte sich noch mehr, als Kevin und Bones aus dem Fahrzeug sprangen, und zwar mit gezückten Waffen.
Meine Mutter stieß einen spitzen Laut aus, halb Schrecken, halb Empörung. Als echte Landfrau dachte sie nicht daran, in Ohnmacht zu fallen, aber sie las Krimis und war der unumstößlichen Meinung, dass Leute aus der Großstadt entweder degeneriert oder gefährlich oder beides waren.
Helene schubste den kreidebleichen Frank vor. »Tu was!«, fauchte sie.
»Was denn?« Er zog die Schultern hoch und glotzte auf die Waffen. „D-die werden …“
»Mensch, Boss, du kannst uns doch nicht einfach abhängen!«, rief Kevin. Erst jetzt bemerkten er und Bones das Publikum. »Sind wir in einen Deal geplatzt? Sorry, wir …«
Alaska deutete ein Kopfschütteln an und die beiden Leibwächter steckten sofort ihre Waffen weg.
»Ach, da ist ja auch Lucy.« Kevin grinste mich an. »Jetzt verstehe ich.«
Mein Vater erinnerte sich offenbar wieder an seine Rolle als Herr des Hauses und stemmte die Arme in die Seiten. »Lucinda, was ist hier los? Was sind das für Leute?« Seine Stimme klang nicht so fest wie sonst, wenn er beispielsweise Frank zusammenstauchte. Atemwölkchen kamen hektisch aus seinem Mund.
Meine Schwester Helene musterte erst Alaskas Leibwächter von oben bis unten und dann Alaska selbst. Von ihrer gewohnten Herablassung war nichts mehr zu sehen. Wahrscheinlich verglich sie gerade den hochgewachsenen Mann mit den scharfen Zügen und dem Maßanzug mit ihrem Verlobten Frank, der wie üblich ein kariertes Flanellhemd trug. Frank wiederum konnte seine Augen nicht von Alaskas schnittigem Sportwagen nehmen, einem Bugatti Chiron Sauteuer-und-streng-limitiert, wahrscheinlich mit einem Lenkradüberzug aus Delfinpenis-Leder.
Helene hängte sich an Franks Arm und betrachtete mich, als hätte sie mich nie zuvor gesehen. »Sind das alles Freunde von dir, Schwesterchen? Was wollen die von dir? Und … wer ist denn nun dieser gut aussehende Mann mit dem Killerblick?«
Meine Lippen prickelten noch von dem wilden Kuss und mein Herz wummerte so kräftig, dass es kilometerweit zu hören sein musste. »Das ist Alaska«, sagte ich. »Und ich glaube, er ist hergekommen, um sein Geschenk zu holen.« Ich machte eine Pause. »Mich.«

***

»Ich glaube, deine Familie hat mich auf ihre Abschussliste gesetzt.« Schmunzelnd lenkte Alaska seinen schnittigen Sportwagen auf die Bundesstraße. »Muss ich mit Auftragskillern rechnen?«
»Meine Familie ist kein Mafia-Clan«, gab ich nervös zurück. »Sie handeln mit gebrauchten Landmaschinen, nicht mit Heroin.«
»Wobei ein Landmaschinenhandel eine ziemlich gute Tarnung wäre. Vielleicht können dein Vater und ich doch noch Freunde werden.« Er schnalzte skeptisch. »Andererseits ist Heroin nur noch in Belgien und den Niederlanden gefragt. Dein Vater wäre besser beraten, sich auf den Handel mit Koks zu spezialisieren.«
Ich war mir nicht sicher, ob Alaska bloß einen Witz machte. Im Moment war ich mir mit überhaupt nichts mehr sicher, um ehrlich zu sein. Alles war so schnell gegangen und nun fuhren wir durch die verschneite Landschaft fort von meinem Heimatdorf. Einfach so.
Tschüss, Mami, tschüss, Papi, ich hab euch lieb und melde mich demnächst. Ja, auch bei dir, Helene. Ja, auch wenn ich nicht die Patentante deines Kindes werden darf.
Das war’s.
Bones und Kevin folgten uns im Rover. Viel Gepäck hatte ich nicht bei mir. Fast alle meine wichtigen Besitztümer befanden sich noch in dem Mini-Winz-Studenten-Apartment, das ich vor lauter Liebeskummer fast schon vergessen hatte.
»Ich muss baldmöglichst mein Apartment ausräumen und kündigen«, sagte ich beklommen. »Oder soll ich …?«
Soll ich es vorsichtshalber behalten?, wollte ich fragen. Es könnte ja sein, dass einer von uns beiden in drei Wochen zu dem Schluss kam: Hups, da war ich wohl etwas voreilig mit der großen Liebe.
Alaska hatte eine sehr ambivalente Einstellung zu Eichhörnchen, die durch sein Haus rannten, – so viel wusste ich immerhin über ihn. Und was seinen Waffenstillstand mit Glitzer-Deko betraf, war ich auch noch nicht ganz überzeugt. Vielleicht hatte er ja noch schlimmere Eigenschaften. Vielleicht ließ er überall seine Socken herumliegen oder war vor dem ersten Kaffee ein unerträglicher Griesgram, der erst mal jemanden umbringen musste, bevor er sich zu einem gemurmelten Guten Morgen durchrang. Obwohl – noch griesgrämiger als zu Weihnachten konnte er wirklich nicht werden.
»Um dein Apartment habe ich mich längst gekümmert«, sagte er in meine Überlegungen hinein. »Deine Sachen sind bereits auf das Anwesen gebracht worden, der Vertrag ist gekündigt.« Die Worte klangen endgültig, aber als er mich anschaute, sah ich Unsicherheit in seinem Blick. »Ich fackle nicht lange, Lucy. Wenn ich etwas will, nehme ich es mir, ohne vorher einen Stuhlkreis einzuberufen.«
»In diesem Fall wäre aber ich der Stuhlkreis gewesen.« Und außerdem jenes Etwas, das er sich zu nehmen gedachte. »Du hättest vorher zumindest … ich weiß nicht … mal anrufen können.«
Er grinste. »Hi, hier ist Alaska. Ich weiß, du denkst, ich hätte dich abserviert, aber in Wahrheit drehe ich durch, weil du nicht mehr bei mir bist. Meine Männer wollen mich mit einem Betäubungsgewehr ruhigstellen, wenn ich nicht endlich zur Vernunft komme. Also habe ich ein paar kräftige Jungs zu deinem Vermieter geschickt, damit er die Tür deines Apartments öffnet und eine zwanglose Kündigung akzeptiert. Falls du also irgendwann zu deiner Bude zurückkehrst, wundere dich nicht, dass darin jetzt jemand anderes wohnt. So in etwa?«
»Bis auf den Begriff Bude ist es … Nein, es ist immer noch ganz schön schräg.« Ich verdrehte den Knopf an der Jacke, die meine Schwester mir geliehen hatte (weil sie ihr nicht mehr passte). »Da, wo ich herkomme, lässt man alles etwas langsamer angehen.«
Er zog die Brauen zusammen. »Du meinst, ich hätte deinem Vater erst mal ein Dutzend Ziegen und zwei Milchkühe für dich bieten sollen, bevor ich überhaupt Hey Süße zu dir hätte sagen dürfen.«
»Sagst du ernsthaft Hey Süße zu Frauen?«, entgegnete ich. »Übrigens bin ich mehr wert als zwei Milchkühe. Leg noch ein Ochsengespann obendrauf, dann würde ich vielleicht am Sonntag in der Kirche meinen Schleier lüpfen und dich verschämt anlächeln.«
Er verbiss sich ein Lachen. »Ich lege dir ein ganzes Rittergut zu Füßen, komplett mit Schäferhunden, einem Eichhörnchen und einem Haufen Jungs mit fragwürdigem Benehmen. Bestimmt könnte ich irgendwo auch noch ein Ochsengespann unterbringen. Nur – was macht man damit?«
»Morgens die Brötchen holen«, sagte ich. »Die Blicke der Leute in der Bäckerei wären unbezahlbar.«
»Leider habe ich derzeit nur zwei Schäferhunde zu bieten, die es nicht einmal schaffen, ein Eichhörnchen zu fangen. Aber im Großen und Ganzen hören sie aufs Wort – wenn man ihnen nicht gerade ein Würstchen vor die Nase hält. Kevin hat die beiden Burschen ganz schön verwöhnt«, sagte er. »Wusstest du, dass Pablo Escobar einen kompletten Privatzoo auf seiner Hazienda besaß? Mit Flusspferden, Elefanten und einer Herde Zebras. Ich sollte wirklich mal darüber nachdenken, ein wenig größenwahnsinniger zu werden. Hey, ich könnte mit einem freundlichen Ochsengespann anfangen und mich zu Löwen und Geparden hocharbeiten. Was denkst du? Würde dir das gefallen?«
Obwohl seine Frage nur im Scherz gemeint war, befielen mir tausend Fragen und noch mehr Zweifel. Und zwar alle auf einmal.
Wie konnte ich mit einem Gangsterboss zusammenleben?
Was verstand er überhaupt unter Zusammenleben?
Erwartete er, dass ich ihn bekochte und mit Ja, Herr ansprach?
Hielt er sich ein Dutzend Geliebte in der Stadt, die er reihum beglückte?
Oder folterte er im Keller seines Anwesens unglückliche Feinde?
Was, wenn er abends mit Blut an den Händen zu mir kam oder Schrumpfköpfe im Schrank aufbewahrte?
Was, wenn er nach einem Monat zu der Erkenntnis gelangte, dass an mir gar nichts Besonderes war, und mich … mich im tiefen Wald verscharrte?
Alaska fuhr plötzlich rechts ran. Er holte sein Smartphone hervor, drückte ein paar Buttons und sagte: »Lucy und ich brauchen ein paar Minuten für uns. Fahrt schon mal voraus … Ja, ich weiß, dass ihr meine verdammten Leibwächter seid! Dann haltet wenigstens einen höflichen Abstand, ihr Spanner!«
Er legte auf und schaute mich an.
Schaute mich einfach nur an.
Wer hätte je gedacht, dass in dunklen Augen so viele Emotionen zu sehen sein könnten? Leider war ich unfähig, sie zu deuten. Vielleicht dachte er darüber nach, die Beifahrertür zu öffnen, mich in den Schnee zu schubsen und dann Gas zu geben. Oder überlegte er, ob ich in den Kofferraum seines schicken Sportflitzers passen würde?
»Du bist die verdammt noch mal schönste Frau der Welt«, sagte er.
»Äh …?«
»Ich kann nicht fassen, dass ich Sam tatsächlich mal damit beauftragt habe, dich umzubr …« Er verschluckte sich an dem letzten Wort und murmelte: »Reiß dich zusammen, Idiot.«
»Alaska?«, flüsterte ich.
Alles in mir drängte danach, ihn zu berühren, aber ich wagte es nicht. Ich hatte Angst und wusste nicht einmal, wovor.
Ich warf einen Blick in den Außenspiegel. Der Rover mit Kevin und Bones stand gute zehn Meter hinter uns. Macht das Warnblinklicht an, dachte ich. Nicht, dass euch noch jemand hinten reinfährt. Sofort kam ich mir albern vor. Diese Männer waren Kriminelle, die für einen Ober-Ober-Kriminellen, nämlich Alaska, arbeiteten. Warnblinklicht – wie putzig.
»Diese Situation ist nicht nur für dich ungewohnt.« Er fuhr sich durch das Haar und in dieser fahrigen Geste erkannte ich den Mann wieder, in den ich mich, ohne es zu wollen, verliebt hatte. »Ich bin fest entschlossen, richtig mit dir zusammen zu sein, Lucy. Auf die normale Art. Nur habe ich nicht die geringste Ahnung, was die normale Art ist. Und so wie du mich gerade anschaust, mache ich alles falsch, was man nur falsch machen kann.« Er lachte ein hilfloses Lachen.
»Ich muss also nicht in den Kofferraum?«, war das Einzige, was mir daraufhin einfiel.
Sein Lachen brach unvermittelt ab. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut – dann packte den Kragen meiner Jacke und zog mich zu sich. Gleich darauf küsste er mich so heiß, so hungrig und so …
Mein Gehirn schaltete sich lautlos ab und übergab das Kommando an mein Herz, das augenblicklich explodierte. Das tat es immer, wenn Alaska mich küsste. Es zerplatzte und plötzlich war alles in wunderschönes goldenes Licht getaucht.
Worüber hatte ich mir eben noch Gedanken gemacht?
»Sieh mich an, Lucy«, sagte er eindringlich. »Sieh dir den Mann an, der dank dir Weihnachten überstanden hat, ohne einen nennenswerten Schaden anzurichten.« Er hielt inne. »Gut, abgesehen von einem Loch in der Decke meines Hauses. Aber ich will mir nicht vorstellen, den nächsten Winter ohne dich zu verbringen. Und den übernächsten. Ganz zu schweigen von allen anderen. Falls du sauer bist wegen deines Apartments, dann miete ich dir eben ein neues, aber du wirst dort nicht wohnen.«
»Werde ich nicht? Welchen Sinn hat denn dann dieses Apartment?«
»Keine Ahnung. Vielleicht fährst du ab und zu dorthin und verstreust eine Handvoll Glitzer.«
»Glitzer geht ganz schlecht aus Teppichfasern raus«, sagte ich konfus.
Er holte tief Luft, blinzelte, dann sagte er: »Wo zum Teufel hast du nur mein ganzes bisheriges Leben gesteckt?«

 

2
Alaska

Punkt eins: Ich hatte durchaus eine romantische Ader.
Punkt zwei: Eine sehr kreative romantische Ader.
Punkt drei: Okay, ich musste noch etwas üben. Aber meinen guten Willen sollte man doch bitte anerkennen.
Auf dem Weg zum Hof von Lucys Eltern – sie wohnten am anderen Ende des Landes in einer Gegend, wo im Winter vermutlich hungrige Wolfsrudel durch die Gegend streiften und man jederzeit mit einem Angriff der Wikinger rechnen musste – hatte ich Hound angerufen und ihm aufgetragen, sämtliche Rosenblätter im Umkreis von 100 Kilometern aufzukaufen.
Ich war sicher, dass ich Rosenblätter gesagt hatte.
Oder vielleicht doch eher: »Irgendwas Romantisches, was Süßes, mit dem man die Räume dekorieren kann. Was nimmt man da? Es muss auf jeden Fall rot sein.«
Danach hatte ich Gas gegeben, um Lucy in echter Prinz-rettet-Prinzessin-und-reitet-mit-ihr-in-den-Sonnenuntergang-Manier zu holen und auf mein Schloss zu entführen. Mir war bewusst, dass ich nicht in die Kategorie sonniger Traumprinz fiel, sondern eher zu den schurkischen Herrschern der Dunkelheit gehörte, denen vernunftbegabte Eltern ums Verrecken nicht ihre Tochter anvertrauen würden. Nicht, dass es mich kümmerte.
Kurz, bevor ich mein Ziel erreichte, rief Hound an, um zu vermelden: »Auftrag ausgeführt, Boss. Ich habe achtzehn Eimer voll mit dem Zeug bekommen.«
»Gut, dann verstreu es überall im Haus. Und vergiss die Außentreppe nicht.«
»Verstreuen? Bist du sicher, Boss?«, fragte er zögernd.
»Tu, was ich sage!«
Die Sache mit Lucy lief nicht ganz so glatt, wie ich es mir ausgemalt hatte.
Ich hatte sie überrumpelt.
Mich zwar auch, aber das war eine Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Es war nun mal so: Sie gehörte jetzt zu mir. Punkt. Der rest würde sich schon finden.
Doch während der Fahrt sah ich, wie mehr und mehr Zweifel hinter ihrer Stirn aufstiegen. Ich konnte es ihr nicht verdenken. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich schließlich noch befohlen, sie zu … zu entsorgen. Sorry, es war einfach ein Reflex gewesen. Ich war ein Gangsterboss, Herrgott! Probleme lösten Männer wie ich nun mal am effektivsten durch Entsorgung.
Nur, dass Lucy kein Problem war, sondern vielmehr das fehlende Puzzlestück meines Lebens, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass ich es brauchte, um mich ganz zu fühlen. Nun schwebte ich zwei Meter über dem Erdboden (was beim Autofahren zugegebenermaßen etwas suboptimal ist) und musste sie immer wieder anschauen.
Sie saß neben mir.
Unfassbar.
Sie war freiwillig mitgekommen.
Wahnsinn!
Sie sah aus, als bereute sie es schon jetzt.
Mist, Mist, Mist.
Mindestens dreimal hielt ich unterwegs an, um sie zu küssen. Es wäre jetzt an der Zeit, ihr Versprechungen zu machen, damit sie mich nicht schon nach drei Tagen wieder verließ. Etwas in der Richtung wie: Für dich werde ich nie wieder Kokain aus Peru über die Brasilien-Route ins Land schmuggeln. Ich werde kein einziges Gesetz mehr brechen. Ich werde Eichhörnchenfutter kaufen und niemals wieder anderen Männern ihre Unterhose in den Rachen stopfen.
Aber so lief es nicht. Ich konnte keinen Schalter in mir umlegen und ein neuer Alaska werden. Wollte ich auch nicht.
Denn seien wir ehrlich: Sehr viele Leute würden auf der Stelle mit mir tauschen, wenn sie könnten. Es war absolut okay, Alaska zu sein. Die richtigen Menschen bekamen Gänsehaut, wenn sie meinen Namen hörten, alle anderen wussten nicht einmal, dass es mich gab. Für sie war ich ein gruseliges Gerücht aus einer anderen Welt.
Dabei unterschied sich der Job als Drogenboss nicht sonderlich von dem eines CEO. Man trug einen Anzug (von Tony Lutwyche in der Sawile Row), erledigte bürokratischen Kram (Zollbeamte bestechen, Geld mittels Scheinfirmen waschen, Richter bedrohen) und kümmerte sich um Prozessoptimierung (Präparieren von Schiffscontainern, Einrichten von temporären Zwischenlagern, Austüfteln neuer Routen). Man verhandelte mit anderen Bossen (über EncroChat, niemals über WhatsApp!), man warf Gegenstände an die Wand und schüchterte seine Angestellten ein. Manchmal schoss man ein Loch in die Decke oder stopfte Unterhosen in … Ach, das hatten wir schon.
So gesehen war es also ein recht langweiliger Job. Aber er hatte seine Herausforderungen. Die Verhandlungspartner sagten nicht: »Och, wie schade«, wenn man ihr lächerliches Angebot ablehnte, sondern schickten vielleicht jemanden vorbei, der eine Bombe unter deinen limitierten Bugatti Chiron zu platzieren versuchte. Booom – und schon gab es weltweit nur noch 29 Exemplare dieses rollenden Schmuckstücks. Wenn man es mit einem Patrón vom alten Schlag zu tun hatte, fand man bloß einen blutigen Pferdekopf auf dem Kopfkissen und schickte seine Kevins aus, um das Problem zu lösen.
Wollte ich Lucy wirklich so ein Leben zumute?
Sorry, aber ja. Ich konnte nicht anders, ich brauchte sie. Ich würde verdammt gut auf sie aufpassen.
Das Schild mit der Aufschrift Privatweg – Durchfahrt verboten! war der einzige Hinweis, dass ich hier wohnte. Ich hatte dafür gesorgt, dass mein Anwesen nicht einmal bei Google Earth zu finden war, geschweige denn in irgendwelchen behördlichen Unterlagen. Es war ein sicherer Ort.
Die kilometerlange Auffahrt war ordentlich geräumt worden. Rechts und links häufte sich Schnee. In den Bäumen hingen Kameras, die man erst beim dritten Hinsehen entdeckte. Das Flügeltor vor uns öffnete sich mit mayestätischer Langsamkeit.
»Ich bin übrigens reich«, sagte ich zu Lucy, als wir auf das Grundstück rollten. »Stinkreich. Geradezu obszön reich. Ist das ein Problem für dich?«
Normalerweise erwarteten wir alle an dieser Stelle ein freudig-verblüfftes Natürlich nicht! als Antwort. Aber diese Frage war an Lucy gerichtet. Die Frau mit dem Engelshaar und dem riesigen Herzen, in dem sich mehr Goldglitzer befand, als ich ihr je würde kaufen können. Wegen ihr hatte ich ein Loch in meine Stuckdecke geschossen (statt in ein Eichhörnchen) und einen Weihnachtsbaum in meinem Haus geduldet.
»Wenn du damit andeuten willst, dass du alles aus dem Weg kaufst, das dir nicht passt, dann möglicherweise ja«, sagte sie mit gekrauster Nase. »Diese Apartment-Geschichte beispielsweise … Es war nur ein Wohnklo mit Blick auf die Müllcontainer, aber es war mein Wohnklo. Verstehst du?«
Nicht wirklich, dachte ich und sagte: »Natürlich. Unabhängigkeit und so weiter.«
»Genau.« Sie warf einen bangen Blick zurück auf das mächtige Tor, das sich langsam hinter uns schloss. »Kann man das auch wieder öffnen?«
Ich nahm den kleinen Toröffner von der Konsole und drückte ihn ihr in die Hand. »Jederzeit. Das ist ein Zuhause, kein Gefängnis.«
Sie sah mich an, lächelte mit einem Anflug von Erleichterung und steckte die Fernbedienung ein.
Schwungvoll brachte ich den Wagen vor den Stufen zum Portal stehen und sah sofort, dass Hound meinen Auftrag gewissenhaft erfüllt hatte – in gewisser Weise.
»Wieso liegen hier massenhaft Erdbeeren auf den Eingangsstufen verstreut?«, fragte sie. »Meine Güte, das sind ja Hunderte!«
»Eher Tausende.« Ich presste die Lippen aufeinander. Es wäre einfach, Hound die Schuld zuzuschieben, aber auch feige. »Erdbeeren sind romantisch«, brummte ich. »Frauen lieben Erdbeeren.«
Sie sah mich mit erhobenen Brauen an. »Mit Schlagsahne, ja. Oder im Schokoladenbrunnen. Aber vor dem Haus? Die kann doch jetzt niemand mehr essen.«
Hound hatte ganze Arbeit geleistet, das musste ich neidlos anerkennen. Die steinernen Stufen waren gänzlich von den roten Dingern bedeckt.
Kevin ging mit Lucys Gepäck voran. Er war ein guter Junge, aber Geschicklichkeit gehörte nicht zu seinen herausragenden Eigenschaften. Unter den Sohlen seiner schweren Stiefel zerplatzten unzählige Beeren, während er einen unbeholfenen Eiertanz über den Erdbeer-Teppich aufführte. »Ups, tut mir leid«, sagte er ein ums andere Mal.
Innerhalb kürzester Zeit sahen die Eingangsstufen aus, als hätte hier ein blutiges Gemetzel stattgefunden.
 Der süße Duft von Erdbeeren schwängerte die Winterluft.
»Was für eine Verschwendung«, brummte Bones hinter uns.
»Du weißt hoffentlich, was du gleich zu tun hast, Kevin«, sagte ich.
»Na klar, Boss. Für heute Abend habe ich ein richtig schönes Gulasch eingeplant. Nach dem Rezept meiner Oma …« Sorglos öffnete er die Tür und trampelte ins Haus, wobei er rote Matsch-Abdrücke hinterließ.
»Ich erklär’s ihm, Boss.« Mit einem Seufzer putzte Bones sich ordentlich die Schuhe auf der Fußmatte ab.
Im Innern sah es sogar noch schlimmer aus. Anscheinend hatte Hound eine ganze LKW-Ladung voller Erdbeeren besorgt und die Früchte in der gesamten Eingangshalle und die Treppe hinauf bis zu meinem Schlafzimmer verteilt. Ganz so, wie ich es ihm befohlen hatte. Nur, dass ich dabei duftige Rosenblätter im Sinn gehabt hatte. Ich mochte lieber nicht darüber nachdenken, wie meine seidene Bettwäsche aussah. Wahrscheinlich würde Lucy denken, dass die Leiche ihrer Vorgängerin unter der Bettdecke versteckt lag.
Es gab übrigens keine Vorgängerin. Auch aus diesem Grund war ich ziemlich nervös. Lucy war die erste Frau, die in diesem Haus leben würde. Zusammen mit mir.
(Und einem Haufen bewaffneter Männer ohne Manieren, denen man den Unterscheid zwischen diversen roten Dingern erklären musste.)
Ich hätte sie wohl lieber über die Schwelle tragen sollen, statt einen grobmotorischen Killer namens Hound damit zu beauftragen, fragwürdige Romantik in meinem Haus zu verteilen.
»Wir sollten froh sein, dass er keine Hühnerherzen genommen hat«, murmelte ich und schob mit dem Fuß vorsichtig Erdbeeren beiseite, um uns auf diese Weise einen Pfad zu schaffen.
»Hound ist super an der Waffe, aber für Romantik fehlt ihm das notwendige Fingerspitzengefühl«, stimmte Bones zu.
»Nicht nur ihm.« Ich kam mir vor wie ein Idiot. Der Fußboden war versaut, Kevin zog ein belämmertes Gesicht und ließ das Gepäck fallen. Platsch! – Noch mehr Gemetzel. Danke auch.
Lucy presste ihre schönen Lippen so fest zusammen, dass sie ganz bleich wirkten. Sie stand inmitten eines Erdbeer-Teppichs und wagte nicht, sich zu bewegen.
Das Ganze war eine Katastrophe. Ich tat das, was ich am besten konnte: Ich wurde wütend. »Und wie sollen wir jetzt in den ersten Stock kommen, verdammte Scheiße?«, brüllte ich so laut, dass es durch das Gebäude hallte.
»Wir könnten uns am Treppengeländer hinauf in den ersten Stock hangeln«, schlug Lucy vor und machte dabei eine komische Grimasse. Wahrscheinlich dachte sie darüber nach, wie sie schnellstmöglich von hier flüchten konnte.
Erst, als sie in Lachen ausbrach, verstand ich, dass sie sich die ganze Zeit hatte zusammenreißen müssen. Ihr Gelächter perlte durch die Halle und Bones wandte sich ab, um einen Hustenanfall vorzutäuschen. Mein Zorn verrauchte so schnell, wie er aufgestiegen war. Ich liebte ihr Lachen; es machte den Tag gleich viel strahlender.
»So lustig ist das nun auch wieder nicht«, murrte ich, um Ernsthaftigkeit bemüht. »Wenn die Erdbeerflecken nun die Perserteppiche versauen? Jeder würde denken, dass ich in meinem Haus einen Massenmord begangen habe.«
Und schon verlor auch ich meine eiserne Behrrschung. Ich stellte mir vor, wie ein Ermittlerteam Proben für eine DNA-Untersuchung entnahm und die Cops anschließend entgeistert auf das Ergebnis starrten. Erdbeersaft? Zukünftig würde man mich Alaska der blutrünstige Beeren-Schlächter nennen müssen.
Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass alle anderen verstummt waren und offenbar dachten, ich hätte den Verstand verloren.
Grinsend wischte ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel. »Dank mir ist wohl jetzt im ganzen Land eine unerklärliche Erdbeer-Knappheit ausgebrochen.«
»Erdbeeren im Winter sind sowieso dekadent.« Lucy räusperte sich. »Ähm, wenn ich das richtig verstanden habe, wurden die Beeren aus Romantik-Gründen im ganzen Haus verteilt?«
Aus dem Obergeschoss war Hounds Stimme zu hören. »Der Boss hat gesagt: Besorg mir romantisches Zeug. So viel wie möglich. Irgendetwas Rotes, Duftiges
»Rosenblätter«, knurrte ich. »Ich dachte an Rosenblätter.«
»Das hättest du aber sagen müssen, Boss. Wenn mir romantisch zumute ist, stecke ich meinen Miezen ein paar Extrascheine zu.«
»Wo bist du überhaupt?«, rief ich, denn ich konnte Hound nicht sehen.
»Hier oben vor deiner Schlafzimmertür. Ich habe mich … äh, ich habe mich mit Erdbeeren umzingelt und wollte keine Sauerei anrichten, also dachte ich …«
»Schieb sie einfach beiseite, Idiot!«, brüllte Bones und sah mich entschuldigend an. »Wir sollten dankbar sein, dass er nicht Kevin ist.«
»Was soll das denn heißen?«, mokierte sich Kevin, der eine schöne matschige Spur quer durch die Halle gelegt hatte.
»Und wo ist eigentlich Sam?«, fragte ich, als ich mich endlich wieder unter Kontrolle hatte.
»Im Wald«, rief Hound von oben. »Er hat ein Gewehr mitgenommen. Hat gesagt, dass er für Lucy eine Nordmanntanne schießen will. Zur Feier des Tages oder so.«
Lucy sah mich an. Ich sah sie an und zuckte ratlos die Achseln.
»Er war sturzbetrunken«, fügte Hound hinzu. »Von der Medizin nach Lucys Rezept. Kann sein, dass er es mit der Dosierung übertrieben hat.«
»Bin ich jetzt schuld daran, dass Sam eine Tanne erschießen will?« Sie krauste die Nase. Ihre Beklommenheit war gänzlich verschwunden und ich verspürte Erleichterung. Für diesen süßen Gesichtsausdruck würde ich sogar höchstpersönlich eine Erdbeerallergie in Kauf nehmen.
Anschließend konnte ich immer noch jemanden dafür büßen lassen.

 

3
Lucy

Draußen tropfte es von den Dachvorsprüngen und den Bäumen, in den Regenrinnen gurgelte es. Die herrliche weiße Pracht des Schnees löste sich unter einem Regenschleier in graue Pfützen auf. Raben kreischten im Wald.
Ich aß auf der breiten, gepolsterten Fensterbank der Bibliothek, mit einem Buch auf dem Schoß, das so langweilig war, dass man dafür einen eigenen Begriff erfinden musste. Milliardär mit Sixpack verliebt sich in eine arme Cupcake-Bäckerin: Das war die gesamte Geschichte, für die die Autorin satte 550 Seiten benötigt hatte. Immerhin war ein Cupcake-Rezept am Ende des Buches enthalten.
Draußen stapften Hound und Bones mit den beiden Schäferhunden die Zufahrt zum Haus hinauf. Die Männer trugen Gummistiefel, die Hunde Schlamm. Trotz des tristen Tauwetters hatten sie gute Laune. Die Hunde hüpften ausgelassen um sie herum und Hound erzählte etwas, das Bones zum Lachen brachte. Das Erdbeer-Massaker war auch nach drei Wochen noch nicht vergessen.
Alaska war heute Morgen mit Sam weggefahren. Er hatte ein geschäftliches Meeting – ja, okay, ein konspiratives Gangster-Treffen – in Steenport oben an der Küste. Die Leute, mit denen er verhandeln wollte, nannten sich die Wölfe.
Warum mussten Gangs sich immer solche martialischen Namen geben? Bloody Reapers und Todesengel und Fiese Fürsten der Finsternis? Warum nicht mal was Nettes wie … wie Sunrise Bumble Bees beispielsweise? Mit einer Gangsterbande, die sich Hummeln beim Sonnenaufgang nannte, würde man doch viel lieber Geschäfte machen. Also, ich jedenfalls.
Jedenfalls machte ich mir Sorgen um Alaska. Ich hatte nicht so richtig zu Ende bedacht, was es bedeutete, mit einem Gangsterboss zusammen zu sein, auch wenn er mehrfach beteuert hatte, dass das kriminelle Business im Grunde total langweilig war. Meetings, Verhandlungen und Organisatorisches. Gut, wenn ein Mitarbeiter seinen Job vermasselte, sah die Abmahnung zwar etwas anders aus – nämlich endgültiger –, aber im Großen und Ganzen ging es um Zahlen und Marktmacht. Nur dass man statt mit E-Autos oder veganer Kosmetik halt mit illegalen Waren handelte.
Bahuptete er jedenfalls.
Ich tat so, als würde ich ihm glauben.
Vielleicht hießen die Wölfe ja Wölfe, weil sie in Wirklichkeit blutrünstige Werwölfe waren? Vielleicht war gerade Vollmond und sie fraßen in genau diesem Augenblick Alaska auf?
Oh Gott, ich brauchte dringend Ablenkung!
Ich sprang von der Fensterbank und lief mit dem Sixpack-Millionär unter dem Arm in die Küche, wo Kevin damit beschäftigt war, Karotten und anderes Gemüse in winzig kleine Würfelchen zu schneiden. Er war offiziell zum Koch mit Bewaffnung befördert worden, was bedeutete, dass er unter der Schürze eine Flecktarnhose mit Pistolenholster trug und in schweren Armeestiefeln durch die Küche trampelte. Alaska schien angenehm verblüfft darüber, dass seine Männer abgesehen von ihrer Leibwächter-Funktion richtige Menschen waren mit Hobbys, Talenten und Marotten. Kevin jedenfalls, den alle nur den Terminator nannten, weil er absolut nicht so aussah, wie man sich einen Durchschnitts-Kevin vorstellte, kochte für sein Leben gern, und zwar richtig gut. Wenn er nicht kochte, stemmte er Gewichte. Ich vermutete, er hatte sich die breiten Schultern nur deshalb antrainiert, weil er Kevin hieß. Mit diesem Vornamen blieb einem ja gar nichts anderes übrig.
Ich als getaufte Lucinda konnte sein Dilemma nachempfinden. Lucindas trugen bauschige Kleider mit Rüschen am üppigen Dekolleté, pressten Blüten zwischen den Seiten ihres Tagebuchs und servierten lächelnd Tee in hauchfeinen Porzellantassen. Ich war so dermaßen Nicht-Lucinda, dass es schon peinlich war.
»Kann ich dir helfen?«, fragte ich Kevin. »Was kochst du überhaupt?«
»Knusprige Möhrentarte mit Ricotta-Sahne-Sauce und einem Ring aus klitzekleinen Würstchen.« Er wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Die Würstchen gehören eigentlich nicht zum Rezept, aber wenn die Jungs kein Fleisch bekommen, kacken sie mir in die Schuhe. Kannst du mir mal den Blätterteig aus dem Kühlschrank geben?«
Ich kam seiner Bitte nach. »Du meinst, die Hunde kacken dir in die Schuhe.«
»Nein, Bones und Sam und die anderen. Für die Hunde koche ich Pansen mit Reis. Die lieben alles, was ich in ihre Näpfe tu.«
»Ach, deswegen riecht es hier so komisch.«
»Nee, ich glaube, das ist der Ricotta«, brummte Kevin und machte sich daran, den Blätterteig in einer Springform zu verteilen. Dazu benutzte er seine Fäuste und einige üble Drohungen, was dem Blätterteig jedoch schnuppe war. »Wie geht es in deinem Atelier voran? Hast du schon was gemalt?«
Mit einem Kopfschütteln sammelte ich die benutzten Utensilien ein und putzte die gigantische Kücheninsel. Kevin liebte es zwar, zu kochen, aber Saubermachen war unter seiner Würde und die Reinigungsleute kamen erst morgen früh.
»Warum nicht?«, bohrte Kevin nach. »Du bist doch Künstlerin. Oder kannst du gar nicht malen?« Er grinste mich an. »Das macht nix, ehrlich. Du kannst auch einfach Nudeln auf ein Stück Pappe kleben, sie bunt anpinseln und dann brauchst du nur noch einen coolen Titel, den niemand versteht. So funktioniert Kunst.«
»Du kennst dich aus, hm?«
»Als Kind war ich mal im Museum. Da hing so Gekrakel an den Wänden, das aussah, als wäre ein Eichhörnchen mit dreckigen Pfoten über eine Leinwand gerannt.« Er heizte einen der beiden riesigen Backöfen vor. »Ja, ich würde sagen, ich kenne mich aus. Wenn man was auf dem Bild erkennen kann, ist es Kunst.«
»Bei mir kann man sogar sehr viel erkennen«, sagte ich. »Meine Bilder sind realistisch und stimmungsvoll.«
»Na, das ist doch super. Also kannst du doch Kunst.«
»Leider ist es Kitsch. Hat jedenfalls mein Professor – Ex-Professor – gesagt. Darum muss ich das Studium an den Nagel hängen.«
»Ach, der Heini hat doch keine Ahnung, wovon er spricht.« Kevin schnaubte. »Der Boss sagt, du hättest ein Wahnsinns-Talent und jede Menge Dingens … Leidenschaft, und der Boss muss es schließlich wissen. Er besitzt ja jede Menge Gemälde und Skulpturen. Außerdem hat er deine Mappe gesehen. Wenn er sagt, dass du gut bist, dann bist du gut.«
Damit war für Kevin das Thema erledigt. Zufrieden widmete er sich der Herstellung seiner Ricotta-Sahne-Sauce.
Ich hingegen verspürte auch heute noch brennende Scham bei der Erinnerung an Professor Ahrendts vernichtendes Urteil zu meiner Semesterarbeit. Kitsch.
Auch wenn Alaska mich eindringlich vom Gegenteil zu überzeugen versucht hatte, glaubte ich doch nicht mehr, dass ich zur ernsthaften Künstlerin berufen war. Vielleicht würde ich eines Tages wieder knuffige Kühe und malerische Margeritenfelder für Produktverpackungen zeichnen, aber das Feuer in meinem Innern war fürs Erste erloschen.
Als Alaska mir am Tag nach meiner Ankunft stolz das Atelier präsentiert hatte, das er für mich im Turm des Südflügels hat einrichten lassen, wäre ich fast in Tränen ausgebrochen. In dem lichtdurchfluteten runden Raum gab es alles, was sich ein Künstlerherz nur wünschen konnte: zwei stabile Staffeleien und einen großen Werktisch mit Tageslichtlampen in der Mitte, einen Papierschrank voller Aquarell- und Büttenpapier, Regale mit Öl- und Acrylfarben von bester Qualität, Pastellkreiden und handgefertigte Pinsel, Apothekengläser voller feinster Pigmente und Flaschen mit Leinöl und Firnis. Im Nebenraum lagerten Leinwände verschiedenster Größen. Als er einen Schalter betätigte und unter der Decke tausend kleine goldene Lichter auffunkelten, musste ich mit aller Kraft um meine Beherrschung kämpfen.
»In den Gläsern dort drüben findest du Goldglimmer und all die anderen glitzernden Sachen, die du so magst.« Sein hoffnungsvolles Lächeln erstarb, als er mein Gesicht betrachtete. »Bitte sag nicht, dass du überraschend deine Liebe für düstere Trübsinns-Gemälde entdeckt und dein verrücktes, funkelndes Gemüt verloren hast.«
Und schon war es vorbei mit meiner Beherrschung. Alaska schien zu ahnen, was in mir vorging. Behutsam schloss er die Tür zum Atelier, trug mich ins Schlafzimmer und sorgte dafür, dass ich in den nächsten Stunden alles andere außer ihn vergaß. Seitdem haben wir kein Wort mehr über das Atelier verloren. Aber es ist wie der große rosa Elefant mitten im Raum, den jeder zu ignorieren versucht.
Heute war seit meinem Einzug in das Rittergut der erste Tag, an dem Alaska nicht hier war. Er musste sich um seine Geschäfte kümmern, die er in den letzten drei Wochen vernachlässigt hatte – wegen mir. Wir hatten diese Zeit benötigt, um uns kennenzulernen. Schließlich hatten wir vorher gar keine Dates gehabt, keine Treffen im Café und auch keine Phase der stundenlangen Telefonate, in denen er mich fragte: »Welche Unterwäsche trägst du gerade?«
Alaska ließ seine Socken übrigens nicht herumliegen. Er mochte Ordnung und er hatte auch keine spontane Erdbeerallergie entwickelt. Er war eine spannende, impulsive Persönlichkeit, manchmal wie ein Sturm und dann wieder wie das trügerisch glatte Meer, unter dessen Oberfläche alles Mögliche umherschwamm. Er trug gerne Verantwortung und er zweifelte nie, bedauerte nie.
Er war unendlich liebenswert.
Letzteres wusste aber niemand außer mir, denn für alle anderen war er immer noch Alaska, der eiskalte Drogenbaron mit einer Abneigung gegen alles, was auch nur annähernd harmonisch wirkte. Er war so sehr daran gewöhnt, als einschüchternder, skrupelloser Grinch aufzutreten, dass es ihm schwer fiel, einfach mal zu entspannen und Dinge zu genießen, erst recht, wenn sie glitzerten. Doch wenn wir beide allein waren, zeigte er eine völlig andere Seite von sich. Eine, die er so lange tief in sich verborgen hatte, dass er erst noch lernen musste, damit umzugehen. Die Sache mit der Romantik beispielsweise. Müsste man ihm ein Arbeitszeugnis ausstellen, stünde darin: Er bemühte sich stets, den in ihn gesetzten Anforderungen gerecht zu werden.
Hätte ich mich nicht schon vorher Hals über Kopf in ihn verliebt, dann spätestens nach dem Erdbeer-Spektakel, als er erst peinlich berührt aussah, dann sein Ich-muss-jetzt-dringend-jemanden-töten-Gesicht aufsetzte und gleich darauf selbst in Gelächter ausbrach. Alaskas Vorstellung von Romantik war auf jeden Fall überraschender und lustiger als ein oller Rosenstrauß. Mit ihm würde es definitiv nie langweilig werden.
»Was ist das für ein Buch in deiner Hand?« Kevins Frage holte mich aus meinen Gedanken zurück in die Gegenwart. »Ein Kochbuch?«
Ich hielt den Schmöker hoch, damit er das Cover mit dem halbnackten Milliardär betrachten konnte. »Es ist nur ein einziges Cupcake-Rezept darin.«
»Muss ein sehr kompliziertes Rezept sein, so dick, wie das Buch ist.« Kevin betrachtete das Cover-Modell kritisch. »Der Brustmuskel ist übertrainiert und der Trizeps sieht verglichen mit dem Bizeps zu dünn aus. Ich wette, der Kerl trainiert nur für die Kamera. Solche Typen schicke ich mit einem einzigen Faustschlag ins Jenseits.«
Das glaubte ich ihm sogar. Kevin mochte keinen Schulabschluss haben, aber er war Experte im Leute-ins-Jenseits-schicken.
Das Festnetzttelefon klingelte. Kevin stöhnte. »Wetten, dass Sam mir Bescheid geben will, dass sie Pizza zum Abendessen mitbringen?« Mit seinen Ricotta-Fingern nahm er das Telefon aus der Halterung und meckerte los: »Ich stehe seit einer Stunde in der Küche, um für euch zu kochen …! Oh, ach so … Einen Augenblick.« Er hielt mir das Telefon entgegen. »Ist für dich.«
Meine Eltern, dachte ich. Oder Helene. Seit sie von Alaska und mir wusste, war sie ziemlich aufdringlich. Ständig rief sie an und träufelte mir klebrige Freundlichkeit ins Ohr. Angeblich vermisste sie mich ganz furchtbar (was während meines Studiums nicht der Fall war) und fragte mich vertraulich, ob Frank bei mir auch immer so ein Langweiler gewesen sei. Wann sie mich und Alaska denn mal auf seinem Anwesen besuchen dürfe und wie sie ihn mir am schnellsten ausspannen könne.
Gut, den letzten Teil hatte ich mir ausgedacht.
Alaska hatte keine hohe Meinung von Helene und auch keine Lust, Höflichkeit zu heucheln, nur weil sie meine Schwester war. Er wusste auch, dass meine Eltern unsere frisch gebackene Beziehung mit großer Skepsis betrachteten. Es war ihm egal. Aber er würde sich nicht mit ihnen überwerfen, denn sie waren immer noch meine Familie und damit gehörten sie in gewisser Weise auch zu seinen Leuten.
Doch die Stimme am anderen Ende der Leitung war nicht Helenes und auch nicht die meiner neugierigen Mutter.
»Ja … Äh … Hier ist Professor Ahrendt.« Es folgte Stille.
Verblüfft starrte ich den Hörer in meiner Hand an, als könnte er mir weiterhelfen. Endlich erwiderte ich höflich: »Guten Tag, Professor.«
»Tja … Wie Sie sicherlich wissen, beginnt am 25. Januar das Sommersemester …«
»Oh verdammt!«, entfuhr es mir. »Ich habe die Exmatrikulation vergessen! Kann ich das noch schnell nachholen, damit ich die Studiengebühren nicht zahlen muss? Das kann man doch per Email machen, oder? Muss ich ein Formular ausfüllen?«
»Äh … Sie wollen das Studium doch nicht etwa abbrechen.«
Blödmann. »Ich habe den Kurs bei Ihnen nicht bestanden«, erinnerte ich ihn. »Damit erfülle ich auch nicht mehr die Voraussetzungen für das Stipendium.«
»Ja … Nein … Hmm … Ich …« Im Hintergrund waren Geräusche zu hören. Ein Rummsen und Klirren, eine leise, tiefe Männerstimme, ein unterdrückter Schrei. Dann redete Ahrendt hastig weiter: »Ich habe noch mal über Ihre Beurteilung nachgedacht. Kunst ist, wie Sie wissen, eine komplexe … AUA!«
Ich musste kurz den Hörer vom Ohr nehmen. »Professor? Geht es Ihnen gut?«
»Alles … bestens«, keuchte er. »Nun … Ich will sagen, Kunst darf nicht in Schubladen einsortiert und unterdrückt werden. Es ist … Jeff Koons beispielsweise hat man auch als kitschig bezeichnet, doch nun stellt man ihn in renommierten Museen aus … Äh, ja … Bitte nicht!« Die beiden letzten Worte quietschte er heraus.
»Professor?«, fragte ich beunruhigt.
»Also, ich habe Ihre Note geändert. Sie haben den Kurs bestanden. Ihr Werk ist … außerordentlich positiv und ironisch zugleich. Sie … Sie scheuen nicht davor zurück, mit Klischees zu spielen und … und … und das ist sehr mutig, ja.« Er wimmerte. »Ich freue mich, Sie im nächsten Semester wiederzusehen.«
Klick – Anruf beendet.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Kevin. »Du guckst so verstört.«
»Ich dachte, Alaska wäre nach Steenport gefahren, um mit einem Rudel Werwölfe ein Meeting abzuhalten.«
»Das sind keine Werwölfe, sondern stinknormale Mörder und Drogenhändler.«
»Und er hat auch ganz sicher keinen Abstecher zu meinem Professor gemacht, um ihm Schmerzen zuzufügen?«
»Nicht, dass ich wüsste«, murmelte Kevin, drehte mir den Rücken zu und verteilte seine Möhrenwürfelchen so gewissenhaft auf der Tarte, als würde er mit Nitroglyzerin hantieren.
»Ich bin damit nicht einverstanden«, knurrte ich.
»Jetzt sag nicht, dass du keine Möhren magst. Das hättest du mir vorher …«
»Ich bin nicht damit einverstanden, dass Alaska meinen Prof zwingt, die Note zu revidieren!«
»Revi … was? Der Heini hat nun mal keine Ahnung von Kunst. Er sollte dankbar sein, dass ihm jemand Nachhilfe gibt. Kannst du den Jungs Bescheid geben, dass es in einer Stunde Essen gibt? Und sie sollen den Hunden die Pfoten saubermachen, bevor sie sie ins Haus lassen.«

***

Alaska und Sam kehrten am frühen Abend zurück. Die Außenlichter verwandelten den Regen in einen goldenen Schleier und ich hatte im Kamin des Speiseraums ein Feuer angezündet, das eine heimelige Wärme verbreitete. Teller und Gläser waren auf dem Tisch verteilt und aus purem Trotz hatte ich überall im Raum goldene Weihnachtskugeln und Glitzersterne aus Alufolie dekoriert und tausende Kerzen angezündet. Etwas anderes hatte ich auf die Schnelle nicht gefunden.
Ja, ich war sauer. Und beunruhigt, denn ich wollte nicht mit Alaska streiten. Aber er konnte nicht einfach hingehen und Menschen unter Druck setzen, nur weil ihm etwas nicht in den Kram passte. Schließlich war es mein Kram und er musste mir passen, nicht ihm.
Nervös saß ich in der Eingangshalle auf der Treppe, die sich elegant ins Obergeschoss schwang. Aus der offen stehenden Tür zu Küche waberte köstlicher Duft durchs Haus, doch ich hatte einen Klumpen im Magen.
Ich hörte, wie Kevin in der Küche fluchte: »Scheiße, ist die Tarte heiß! Da verbrennt man sich ja den Mund.«
»Stell sie zum Abkühlen kurz nach draußen«, schlug Hound vor. Er und Bones waren vorhin mit den sauber geschrubbten Hunden und einem Mordshunger ins Haus gekommen und nun lungerten sie in der Küche herum, tranken Bier und warteten aufs Essen.
Als die Eingangstür aufschwang und Alaska einen Schwall nasskalter Winterluft ins Haus brachte, schlug mein Herz schneller. Daran war allein sein Anblick schuld. Der schwarze Mantel umschmeichelte seine hochgewachsene Gestalt und der Kronleuchter zauberte Silbersterne auf sein feuchtes Haar. Achtlos zog er die Lederhandschuhe von den Fingern und warf sie auf ein antikes Möbel. Er entdeckte mich und ein Lächeln brach seine harten Züge auf.
»Wie ich höre, hattest du einen interessanten Tag voller Kultur«, sagte ich kühl.
Statt ertappt auszusehen, wurde sein Lächeln sogar noch breiter. »Und wie ich sehe, hattest du heute ein interessantes Telefonat. Möchtest du mir jetzt Gegenstände an den Kopf werfen?«
»Nein, vorerst belasse ich es bei biestiger Goldglitzer-Dekoration.«
Hinter ihm betrat Sam das Haus. Er zwinkerte mir zu und eilte davon, der Feigling.
Alaska streifte seinen Mantel ab und hängte ihn über das Treppengeländer, bevor er die drei Stufen zu mir herauf kam und sich neben mich setzte.
»Dein Professor ist ein bornierter Arsch«, sagte er.
»Das gibt dir nicht das Recht, ihn einzuschüchtern und zu zwingen, meine Note zu ändern.«
»Ich warte grundsätzlich nicht, bis mir jemand irgendein Recht zu irgendwas gibt, Lucy. Ich nehme es mir. Dieser Kerl hat nicht verstanden, was seine Aufgabe ist. Er soll Talente fördern und ermutigen. Stattdessen hat er dich niedergemacht, weil deine Arbeit nicht seinem persönlichen Geschmack entsprochen hat.« Sanft stieß Alaska mich mit der Schulter an. »Ich habe letztens zufällig eine Skulptur von Jeff Koons ersteigert. Sie wird nächste Woche geliefert.«
»Aha«, sagte ich nur, weil er mir wieder einmal den Wind aus den Segeln genommen hatte.
»Sie ist goldfarben und sie glitzert«, fügte er hinzu. »Es tut in den Augen weh, wenn man sie anschaut, aber der Kurator behauptet, dass sie in drei Jahren das Zehnfache wert sein wird. Wenn du willst, stellen wir sie in der Bibliothek auf und ich verspreche, ich werde kein schwarzes Tuch darüber werfen, um sie zu verdecken. Ich werde sie jeden Tag tapfer anschauen, ohne eine Waffe auf sie zu richten und Löcher hineinzuschießen.«
Mit zusammengepressten Lippen schwieg ich.
»Hör mal, ich werde mich nicht entschuldigen, Lucy, weil es mir nicht leid tut. Betrachte die Koons-Skulptur als meine persönliche Buße. Ich werde es trotzdem immer wieder tun.«
»Ich will nicht, dass du meine Kämpfe für mich kämpfst«, grummelte ich. »Es wäre meine Aufgabe gewesen, mich mit Ahrendt auseinanderzusetzen.«
»Aber du hättest es nicht getan, weil du jedes Wort aus seinem selbstgerechten Mund ernst genommen und dich selbst fast schon aufgegeben hast. Du darfst der Meinung anderer Menschen keine Macht über dich geben, Lucy! Nicht einmal meine Meinung sollte dich von irgend etwas abhalten. Und meine Aufgabe …« Er klopfte sich auf die Brust. »Meine Aufgabe als der Mann an deiner Seite ist es, für deine Träume zu kämpfen, wenn du es nicht kannst.« Er zuckte die Schultern. »Ich bin verdammt gut im Einschüchtern. Ich bin aber überhaupt nicht gut darin, diese Traurigkeit in deinen Augen zu ertragen. Ich möchte, dass du wieder malst.«
»Aber wenn es stimmt, was Ahrendt sagt? Wenn ich gar nicht in der Lage bin, richtige Kunst zu erschaffen?«
Er umfasste mein Kinn und sah mich an. Zwei Falten gruben sich zwischen seine Brauen. »Ich weiß ja nicht, wie man das bei euch nennt, aber du hast dein größtes Kunstwerk bereits geschaffen. Du hast irgendwas mit mir gemacht, das ich nicht verstehe, aber jetzt bin ich glücklich. Verdammt, ich werde sogar freiwillig einen Jeff Koons in meinem Haus aufstellen!« Seine Lippen berühren meine. »Das ist deine Superkraft, Lucy: Du machst die Welt ein wenig wärmer und strahlender.«
Ich inhalierte jedes einzelne Wort, das er sagte. Er klang so ernst und überzeugt, dass meine Sicht verschwamm. Genau das hatte ich mein Leben lang gebraucht – einen Menschen, der mich so nahm, wie ich war, und mich stark machte.
»Nachdem wir den unangenehmen Teil hinter uns gebracht haben, ohne dass du mir an die Kehle gesprungen bist …«, er legte eine bedeutungsvolle Pause ein. »Küss mich endlich oder ich werde auf dieser Treppe hier sterben!«
Wieder spürte dieses wunderbare Bersten in meiner Brust, als mein Herz riesengroß wurde und platzte. Ein Tsunami der unterschiedlichsten Emotionen raste durch meinen Körper und entfachte ein prasselndes Feuer in meinen Eingeweiden. Meine Lippen fanden seine, meine Finger gruben sich in sein Haar und unsere Zungen begannen, gierig umeinander zu tanzen. Er stöhnte leise in meinen Mund. Irgendwie saß ich plötzlich rittlings auf seinem Schoß und an seinem Hemd fehlten ein paar Knöpfe.
Dass sich jemand mehrfach räusperte, bekam ich erst mit, als Alaska widerstrebend von mir abließ. Er sah an mir vorbei, seine Augen waren verschleiert, seine Brust hob und senkte sich schnell. Ich konnte seinen kräftigen Herzschlag spüren.
»Kevin«, knurrte er. »Siehst du nicht, dass du störst? Jetzt muss ich dich tö…«
Schnell legte ich einen Finger auf seine herrlich geschwollenen Lippen. »Das böse Wort mit T benutzen wir in diesem Haus nicht.«
»Ich will es nicht benutzen, sondern umsetzen, und zwar an dem da.« Er funkelte seinen Leibwächter an. »Wehe, es ist nichts Dringendes, Kevin! Unter Dringend verstehe ich beispielsweise ein lichterloh brennendes Haus.«
»Ähm, so ähnlich, Boss«, flüsterte Kevin.
Aus der Küche war ein Klirren zu hören. Ein Hund bellte und Sam brüllte etwas nicht Jugendfreies.
Kevin trat von einem Fuß auf den anderen. »Weißt du, Boss, ich habe eine Möhrentarte gemacht. Sie ist echt gut geworden und … und … und …«
»Und was?«, grollte Alaska, ohne mich loszulassen.
»Und … und … Ich habe sie zum Abkühlen kurz nach draußen gestellt und … und …«
»Treibt es in die Ecke!«, schrie Hound.
»Hilfe, es hat mich angesprungen!«, kreischte Bones.
Ein kleines braunpelziges Etwas flitzte aus der Küche und huschte an einer Ritterrüstung hinauf. Eine Hellebarde krachte zu Boden. Kläffend schlitterten die Hunde quer durch die Eingangshalle, gefolgt von Hound, Bones und Sam.
»Wo ist es? Wo ist es?«, brüllte Sam.
»Da! Es hangelt sich zum Kronleuchter hoch!«
»Eichhörnchen?«, fragte Alaska sachlich.
Kevin nickte unglücklich. »Eichhörnchen. Es ist in die heiße Tarte gesprungen, hat sich die Füße verbrannt und ist dann panisch ins Haus …«
»Ach, scheiß drauf«, sagte Alaska, packte meinen Hinterkopf und machte dort weiter, wo wir unterbrochen worden waren.

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